Zeitung Heute : Dogma 51

HARALD MARTENSTEIN

Es gibt in der Welt des Films zehn geheime Regeln, das sogenannte "Dogma 51", im Gründungsjahr der Berlinale verabredet zwischen den internationalen Großverbänden der Filmindustrie.Wer diese zehn Regeln einhält, der darf seine Veranstaltung eine "Berlinale" nennen - egal, wo sie stattfindet, ob in Berlin-Mitte, in Bad Segeberg oder sogar in Cannes.Deswegen ist der Umzug des Festivals vom Zoo an den Potsdamer Platz vollkommen unwichtig.Alles wird bleiben, wie es ist.Dafür sorgen seit Jahrzehnten die Regeln von "Dogma 51", die hier erstmals im Wortlaut dokumentiert werden.

Erstens: Bei einer Veranstaltung, die Anspruch auf den Titel "Berlinale" erhebt, muß täglich über den niedrigen Marktanteil des deutschen sowie des europäischen Films geklagt werden.Es muß mindestens an jedem zweiten Tag mindestens ein deutscher Regierungsvertreter die Übermacht des Hollywoodfilms anprangern und eine europäische Gegenoffensive ankündigen.

Zweitens: Bei der Eröffnungsparty einer Berlinale dürfen keine Reden gehalten und es darf keine Musik gespielt werden.Es wird nur das im jeweiligen Raum vorhandene Licht und Mobiliar verwendet, zusätzliches Kunstlicht oder zusätzliche Stühle sind verboten.

Drittens: Bei einer Berlinale muß mindestens ein skandinavischer Film gezeigt werden, den kein Mensch versteht, den aber alle sehr eindrucksvoll finden.Mindestens einmal in jedem Jahr muß die Frage gestellt werden: "Wieso läuft schon wieder kein italienischer Film im Wettbewerb?" Läuft aber ein italienischer Film, dann wird gefragt, wieso im Wettbewerb schon wieder kein bulgarischer Film läuft.

Viertens: Ein Filmfestival darf nur dann "Berlinale" heißen, wenn in seinem Wettbewerb ein spanischer oder französischer Film gezeigt wird, in dem Nymphomaninnen vorkommen.Die spanischen oder französischen Nymphomaninnen dürfen mindestens zehn Minuten lang keine Kleidung tragen.Schmuck, Körperbemalung, Haarbänder, Haar- und Zahnspangen sind erlaubt.

Fünftens: Mindestens ein Film der Sektion "Forum" muß länger als sechs Stunden dauern.In jedem zweiten Jahr muß mindestens ein Film der Sektion "Forum" den Untertitel "Die Kinder von Golzow" tragen.

Sechstens: Der Leiter eines Berlinale-Wettbewerbs darf zur Vorbereitung seiner Reden keine deutschen Wörterbücher und keine Grammatik-Lehrbücher benutzen.Er muß bei öffentlichen Auftritten graue Anzüge tragen, die an den Knien ausgebeult sind.Er darf beim Verfassen und beim Verlesen seiner Reden kein Kunstlicht verwenden.

Siebentens: Wenn im Wettbewerb einer Berlinale mehr als sechs Filme aus Amerika laufen, müssen die deutschen Zeitungen schreiben: Das Festival ist ein willenloser Erfüllungsgehilfe von Hollywood.Laufen im Wettbewerb einer Berlinale dagegen weniger als sechs Filme aus Amerika, so sind die deutschen Zeitungen verpflichtet, zu schreiben: Das Festival hat keinen guten Draht nach Hollywood und versinkt deshalb in der Bedeutungslosigkeit.

Achtens: Es dürfen im Wettbewerb keine Filme über Gemsen gezeigt werden.Jede Gemse, die in einem Berlinale-Film auftaucht, muß in diesem Film sofort erschossen und anschließend fünf Minuten lang an ihren Hörnern über den Boden geschleift werden.Es muß der Schauspieler dabei aber schweigen, gemsenfeindliche Bemerkungen sind nicht erlaubt.

Neuntens: Die Führung einer Berlinale muß zerstritten sein.Mindestens einmal im Jahr muß mindestens eine Sektion der Berlinale mindestens eine Intrige mit dem Ziel beginnen, eine andere Sektion der Berlinale abzuschaffen, stark zu verkleinern oder dorthin zu verlegen, wo der Pfeffer wächst.

Zehntens: Es muß darüber diskutiert werden, ob man die gesamte Berlinale nicht besser in eine andere Jahreszeit verlegen sollte.Es muß darüber diskutiert werden, ob Cannes und Venedig nicht viel interessanter sind als die Berlinale.Es muß in der Zeitung eine Geschichte über die Paris-Bar erscheinen.Es muß ein Film von Wim Wenders gezeigt werden, ersatzweise von Manuel de Oliveira, ersatzweise von Theo Angelopoulos.Dieser Film muß sechs Monate nach dem Festival um 23 Uhr in der "Filmbühne am Steinplatz" laufen.Nach diesem Film müssen die Besucher des Kinos in Echtzeit einen Schnaps trinken.Dabei dürfen sie keine mitgebrachten Requisiten und kein Kunstlicht verwenden, es darf dabei keine Musik gespielt und es dürfen keine Fotos von Gemsen gezeigt werden.

Jedes Filmfestival, das diese zehn Regeln einhält, darf die Bezeichnung "Berlinale" tragen.

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