DOKUMENTATION„Endstation der Sehnsüchte“ : Full German Village

Christiane Peitz

Gepflegte Vorgärten, rote Dachziegel, ein paar Gartenzwerge, eine steile Straße, die zwischen den Häusern den Hügel hinaufführt: Es ist ein ganz normales deutsches Dorf, in dem die Protagonisten von „Endstation der Sehnsüchte“, drei alte Ehepaare, ihren Lebensabend verbringen. Nur dass das Dorf auf der Insel Namgae liegt, in Südkorea. Es heißt Dogil Maeul; ein cleverer Investor hat Ludwig, Willi und Armin mit ihren koreanischen Ehefrauen Woo-Za, Chun-Ja und Yong-Sook mit der Aussicht auf den Pazifik, auf gutes Wetter und geringe Kosten hierhergelockt.

Die deutsch-koreanische Dokumentaristin SungHyung Cho ist Spezialistin für Dörfer, Massenaufläufe und die Begegnung mit fremden Kulturen. In ihrem Debütfilm „Full Metal Village“ ging es darum, wie die holsteinischen Milchbauern in Wacken mit der alljährlichen Festival-Invasion von Heavy-MetalFans klarkommen. Eine skurrile, auch anrührende Studie über Toleranz gegenüber Anderstanzenden. In „Endstation der Sehnsüchte“ ist das ähnlich: Die Auswanderer backen Brötchen, stellen Bratwürste her, führen in breitem Hessisch den mitgebrachten Betonmischer vor („28 Jahre alt. Läuft und läuft und läuft!“) und staunen über Kuh-Buddhas – und die Koreaner staunen über die Deutschen. Das Dorf ist längst eine Touristenattraktion: Am Wochenende schieben sich ganze Autokolonnen durch diesen Heimat-Freizeitpark in der Fremde. Die als Souvenirs beliebten Gartenzwerge haben die Bewohner inzwischen lieber weggeräumt.

Zweite Heimat, doppeltes Heimweh. Willi trägt Knoblauchhut und tanzt koreanische Volkstänze, Yong-Sook trägt mit ihrer im Gesangsverein geschulten Altstimme deutsches Liedgut vor, der bald 80-jährige Ludwig absolviert ergeben das Peitschritual eines buddhistischen Mönchs. Aber auch die Frauen, die (wie die Mutter der Regisseurin) in den Siebzigern als Krankenschwestern ins Paradies Deutschland gelockt worden waren, fremdeln im künstlichen Ambiente, das bis ins letzte Wohnzimmerdetail Authentizität vorgaukelt. Das ist wieder sehr skurril, anrührend und lehrreich: Wegen ihrer kriegszerrütteten Vergangenheit hegen die Koreaner ein ähnlich innig-verqueres Verhältnis zu dem, was man „Heimat“ nennt. Und wie diese deutsch- koreanischen Ehepaare sich nach 20, 30 Jahren Ehe permanent streiten und einander dennoch in liebevoller Fürsorge verbunden sind: Respekt! Vergnügliche Heimat-Doku über ein deutsches Dorf in Korea. Christiane Peitz

„Endstation der Sehnsüchte“, D 2009, 99 Min.,

R: Sung-Hyung Cho

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