Zeitung Heute : Dolomiten: Italienischkurs als Zugabe

Hella Kaiser

Auf 2100 Meter Höhe macht der Italienischunterricht erst richtig Spaß. Man braucht nur all die Etiketten auf den großen, bauchigen Gläsern zu studieren, die da schön aufgereiht auf der Schneebar stehen. Dahinter steht Ivo und erklärt geduldig die Geschmacksvarianten seiner sechzig (!) Grappa-Kreationen. "Ginebro ist Wacholder, pruna ist Pflaume, lampone bedeutet Himbeere und da haben wir latte ..." Wie bitte, Milchgrappa? "Sehr lecker", sagt Ivo stolz und schenkt zum Probieren gleich einen Grappa ein. Sündhaft gut schmeckt das, so, als würde man an einer hochprozentigen Eiskugel lecken.

Mit Eis kennt sich Ivo bestens aus. Aber das versteht sich fast von selbst, denn hier in den bellunesischen Dolomiten (Belluno ist die nördlichste Provinz von Venetien) soll die köstlich-kalte Süßigkeit ja Ende des 19. Jahrhunderts erfunden worden sein. Wie so viele Italiener aus dieser Region war auch Ivo irgendwann mal nach Deutschland gegangen, um eine Eisdiele zu eröffnen. In den 80er Jahren aber, als in seiner Heimat immer mehr Liftanlagen gebaut wurden und der Wintertourismus entdeckt wurde, entschloss er sich zur Rückkehr.

Nun also besitzt er das Ristoro Belvedere, das seinem Namen alle Ehre macht: Rechts schaut man zum mächtigen 3168 Meter hohen Monte Pelmo hinauf und links reckt sich - noch ein paar Meter höher gen Himmel - der Monte Civetta auf. Eulenberg heißt das auf Deutsch, und mit etwas Phantasie lässt sich tatsächlich die Silhouette eines Käuzchens erkennen, das eben zum Flug starten will.

Wenn genug Schnee gefallen ist, baut Ivo - "das macht den Kindern Riesenspaß" - einen Iglu neben seine gemütliche Hütte. Dann kann man neben den zahlreichen gewalzten Pisten - 80 Kilometer sind im Skigebiet Civetta ausgewiesen - die eine oder andere Tiefschneeabfahrt probieren. Riskant dürfte das nicht sein, denn bis auf wenige Ausnahmen sind alle Pisten als mittelschwer oder leicht deklariert. Das Schönste: Auf den Hängen ist viel Platz. Nur rund um die italienischen Feiertage und während der Hochsaison im Februar muss man an den Lifts auch mal warten. "Dann", seufzt ein Einheimischer des Talortes Alleghe, "haben wir hier unten ein Verkehrschaos." Viele Besucher kämen aus dem nur anderthalb Autostunden entfernten Venedig, und die, bekräftigt er mit theatralischem Augenrollen, "können vielleicht Boot fahren, aber keine Autos lenken."

Die meisten Hotels von Alleghe liegen rund um einen See, der durch einen Erdrutsch im 18. Jahrhundert entstanden war. Wenn er zugefroren ist, kann man der Hockeymannschaft - "Oberliga", sagt ein Einheimischer stolz - beim Training zuschauen. Oder selbst die Schlittschuhe auspacken. Aber, da man den Dolomiti-Superskipass schon mal hat, lassen sich damit auch die übrigen Gebiete der "Dolomiti Stars" testen. Unter diesem Namen zumindest wollen Arabba, Padon, Falcade, Marmolada und eben Civetta besser auf sich aufmerksam machen und offerieren einen kostenlosen Skibus, der die nahe gelegenen Gebiete verbindet.

Die hundert Pistenkilometer von Falcade sind an einem einzigen Skitag kaum zu bewältigen. Am Col Margherita kann man da zünftig abschwingen oder unterhalb des 3000 Meter hohen Cima Uomo ein verzweigtes Pistennetz erkunden. Die Bar Uomo, vor zwei Jahren erst eröffnet, dürfte Liebhaber italienischen Designs entzücken: Da paart sich Funktionalität mit Ästhetik, und die Küche des Höhen-Restaurants kann reichlich punkten. Selbst die überall in der Region preiswert angebotenen "Würstel con krauti", so genannt, weil sie eben anders geformt sind als die üblichen Salciccias (Würste), sind exzellent. Bei "krauti" handelt es sich um Sauerkraut, das noch immer nach Art der bäuerlichen Vorfahren in großen Fässern einlegt wird. Selbstverständlich schwört jede Familie dabei auf ihre eigene Kräuterrezeptur, die dem Kohl die pikante Würze gibt.

Der auf 1600 Meter Höhe liegende Ort Arabba braucht mit seinem vielfältigen Pistennetz keine Konkurrenz zu fürchten. Wer hier Quartier nimmt, muss ein bisschen mehr zahlen als in Falcade oder Alleghe. Dafür sind die Wege von den Hoteltüren bis zu den Lifts so kurz, dass man sie gleich in Skistiefeln bewältigen kann. Wer hier tagsüber die anspruchsvollen Abfahrten nimmt, ist abends möglicherweise zu müde für einen Disko-Besuch. Aber quirliges Nachtleben sucht man hier sowieso vergeblich. "Wir wollen kein freakiges Publikum, sondern sportliche Leute", sagt Sebastian Becker vom örtlichen Tourismusverein. Das Vergnügungsangebot betreffend, sind auch die übrigen "Dolomiti Stars" äußerst geizig. Es bleibt fraglich, ob zum Beispiel deutsche Touristen allabendlich allein mit ein "bisschen Tiroler Musik" und netten Enotecas zufriedenzustellen sind.

Die Einheimischen lassen den Abend übrigens - Frost hin oder her - gern in einer der zahlreichen Eisdielen ausklingen.

Eine Skitour des "Grande Guerra", rund um den Col di Lana, der hier von vielen noch Col di Sangue (Blutberg) genannt wird, könnte man in Arabba beginnen. Im Frühjahr 1916 wurde der von den Italienern verminte Gipfel durch eine gewaltige Sprengladung aufgerissen, Österreicher und Deutsche "revanchierten" an anderen Kuppen. Tausende von Menschenleben kostete der langwierige, zermürbende Stellungskrieg. Am Ende lag der Ort in Schutt und Asche. Nur die Kirche blieb unversehrt.

An der zweithöchsten Bergstation der Marmolada, auf dem knapp 3000 Meter hohen Serauta-Gipfel, erinnert ein kleines Museum an all die Monate, in denen die Soldaten in den Grotten der "Eisstadt" litten. Waffen sind da ausgestellt, aber auch zerrissene Wollmützen, löchrige Handschuhe und vergilbtes Zigarettenpapier. Fotos zeigen erschöpfte, ausgemergelte Männergesichter, ein halb zerfleddertes Buch trägt den Titel: "Heiteres für ernste Stunden." Direkt vor den Fenstern des Museums verlief die so genannte Dolomitenfront.

Heute wollen - zum Glück - nur noch Skifahrer die Marmolada, den einzigen Gletscher der Dolomiten, erobern. Bis auf 3270 Meter Höhe, zum Punta Rocca führt die Seilbahn, die neuerdings im Preis des Superdolomiti-Skipass inbegriffen ist. Zwölf Kilometer lang ist die Abfahrt "La Bellunese" von dort oben bis zur Talstation Malga Ciapela. 700 Personen kann man pro Stunde hinaufbefördern, aber Liftbetreiber Mario Vascellari ist das zuwenig. Er wünscht sich zusätzliche Aufstiegsanlagen an der "Gletscherkönigin". Aber, wer darf die genehmigen? Die Behörde in Trient (Trentino) oder doch jene in Belluno (Venetien)? "Die führen da noch immer so eine Art Grenzkrieg", sagt Mario Vascellari und schätzt, dass es wohl noch drei Jahre dauern wird, bis wirklich gebaut werden kann.

Die Aufstiegsanlagen, in diesem Teil der Dolomiten gehören nicht zu den modernsten, sie haben schon viele Winter ihre Runden gedreht. Oft wird man da noch von gemütlichen Tellerlifts nach oben gezogen. Das dauert ein Weilchen, und so packen die italienischen Gäste unterwegs gern ihre Handys aus. "Tutto perfetto", ruft einer am Monte Civetta hinein. Recht hat er. Denn über Ivos Eisbar lacht mal wieder Sonne, und die Eule sieht auch zufrieden aus.

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