Zeitung Heute : Dom-Rep: Touristen lassen kaum Geld im Land

Susanne Tenhagen

Auf der Ladefläche des Pick-up ist kaum noch Platz. Arbeiter auf dem Weg in die nächste Stadt, Frauen, die mit Gemüsekörben und lebenden Hühnern auf den Markt nach Higuey wollen. Dazwischen sitzen vier deutsche Touristen aus Mühlheim. Eigentlich wollten sie mit dem Bus fahren, doch so erscheint ihnen der Ausflug viel spannender. Seit einer Woche schon sind sie im Badeort Punta Cana und haben ihre Hotelanlage bisher nicht verlassen. Dass ihr Ferienresort in der Dominikanischen Republik liegt, wissen sie. Wie es ringsherum aussieht, ahnen sie lediglich. Sie haben Last Minute gebucht und für "Alles inklusive" gezahlt. Zwei Wochen für 1500 Mark pro Nase.

Und nun der Ausflug auf eigene Faust: Im 60 Kilometer entfernten Higuey gibt es so gut wie keine Touristen, kaum Cafés. In den einfachen, kleinen Restaurants werden vor allem Einheimische bewirtet. Die Vier durchstreifen die quirlige Stadt, ohne dabei viel Geld auszugeben. Ein paar Pesos für Kaffee und einen Sonnenhut. "Trotzdem ein Abenteuer", freuen sich die Mühlheimer auf dem Weg zurück, und ein billiges dazu.

Das Land hat bis auf die Arbeitsplätze im Hotelservice wenig vom All-inclusive-Tourismus. Die so genannten Incoming-Agenturen, die Ausflüge organisieren, sind in aller Regel Unternehmen der Reiseveranstalter, die sich allenfalls örtlicher Partner bedienen, die Busse und Boote fahren. Die Gästeburgen gehören meist spanischen Eigentümern, und manches Hotel bezieht gar einen Anteil der Lebensmittel aus dem fernen Iberien.

Rund um die Resorts besteht kaum touristische Infrastruktur. Das war in den Zeiten vor All-inclusive anders. Kleine Läden und Restaurants hatten sich einst angesiedelt, um den Bedarf ausländischer Hotelgäste zu decken. Seit die Touristen jedoch von den Mahlzeiten bis zum Cocktail alles bereits im Reisebüro daheim bezahlen, geben sie außerhalb der Hotelanlagen fast nichts mehr aus. Entsprechend ist das Geschäft mit den Touristen für den kleinen Mann keins mehr.

In der Dominikanischen Republik leben acht Millionen Menschen, jedes Jahr kommen 2,5 Millionen Touristen auf die Karibik-Insel. "Deren Zahl wird in den nächsten Jahren deutlich steigen. Wir verbuchen Wachstumsraten von 35 Prozent", erklärt der Touristik-Geschäftsführer von TUI-Deutschland, Volker Böttcher. "Und die All-inclusive-Angebote werden weiter ausgebaut."

120 000 Deutsche buchten im vergangenen Jahr allein bei TUI ihren Urlaub in der Dominikanischen Republik. Die Gäste nutzen zwar die Strände und verbrauchen natürliche Ressourcen wie Trinkwasser, doch Geld bringen sie eben kaum ins Land. Dafür hinterlässt ein Tourist, wenn er nach 14 Tagen heimfährt, im Durchschnitt 70 Liter Müll. Nimmt man die Zahl aller Urlauber, entstehen im Jahr 175 Millionen Liter Müll.

Noch gibt es außerhalb der Hauptstadt Santo Domingo, wo wenigstens die Müllabfuhr ansatzweise klappt, nur riesige Löcher, die als Deponien deklariert sind und in denen der Müll einfach vergraben oder verbrannt wird. Oft werden ganze Wagenladungen in die Flüsse oder ins Meer gekippt. An die wenigen Kläranlagen sind Hotels angeschlossen. Die Abwässer der Ortschaften fließen ins Meer oder in Sickergruben.

Mancher Politiker im Land macht keinen Hehl daraus, dass die Dominikanische Republik möglichweise das am meisten Verschmutzte in der Karibik ist. Um politische Forderungen Weniger durchzusetzen, fehlt es jedoch an Geld. Dazu kommt, dass die Regierung üblicherweise alle vier Jahre wechselt und stets das komplette Ministerium ausgetauscht wird. Eine kontinuierliche Arbeit ist so unmöglich. Noch fehlt auch der Bevölkerung das Bewusstsein für die Umweltproblematik. Das will Umweltminister Frank Moya Pons ändern: "Der All-inclusive-Tourismus muss sich auf wenige Anlagen beschränken. Es muss mehr Geld im Land bleiben, das den Bewohnern und dem Naturschutz zu Gute kommt."

Aus diesem Grund sucht Moya Pons jetzt Partner, und möchte mit Naturschutzorganisationen wie dem WWF (World Wide Fund for Nature), aber auch mit Reiseveranstaltern wie TUI zusammenarbeiten. Sogar vor dem Hintergrund, dass der Reisekonzern den All-inclusive-Tourismus ausbauen will. Moya Pons weiß um die Möglichkeiten, die ein Reiseriese wie TUI hat und hofft, dass man gemeinsam etwas bewegen kann.

So bietet TUI Ausflüge in den Nationalpark del Este an, der sich im Südwesten des Landes befindet und zu dem die Insel Saona gehört. Holger Wesemüller, Abteilungsleiter Naturschutz, der sich für den WWF-Deutschland auf der Insel Saona informiert hat, erläutert: "Was den Nationalpark del Este und die Insel Saona angeht, muss schnellstens eine naturgerechte Infrastruktur her, zuerst aber eine Kanalisation und eine Müllentsorgung für den angrenzenden Fischerort Bajahibe." Rund um den Ort haben die großen Hotels zwar ein eigenes Wasser- und Abwassersystem, der kleine Ort selbst ist jedoch nicht angeschlossen.

Das Trinkwasser riecht faulig, denn es kommt aus trüben Tümpeln. Wesemüller fordert: "Die Nationalparkwächter müssen besser ausgebildet und ausgestattet werden. Beides, Infrastruktur und Parkwächter, könnten von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit finanziert werden. Ausflugstouren zur Lagune an der Insel Saona, wo unzählige exotische Vögel und seltene Meeresschildkröten brüten, sollten von TUI nach anerkannten Naturschutzregeln mit Hilfe des WWF organisiert werden."

Umweltminister Pons will außerdem versuchen, die Naturschutzzonen (32 Prozent des Landes) vor dem Zugriff der Baulöwen zu bewahren. Italienische Hoteliers schreckten nämlich nicht davor zurück, direkt im Nationalpark del Este eine Hotelanlage zu bauen. Um einen Rechtsstreit mit den Bauherren nicht eskalieren zu lassen, verlegten die Behörden kurzerhand die Grenzen des Nationalparks. Heute landen Touristen mitunter trotz Verbots direkt mit dem Hubschrauber im Nationalpark, die Parkwächter hingegen haben nicht mal ein Boot, um den 1500 Kilometer langen, schützenswerten Küstenstreifen zu bewachen. "Letztens ist hier ein Motorboot mit Kokain aus Kolumbien aufgebracht worden. Dieses Boot hätten wir gern", sagt Francesco Pezotti, Chef des Nationalparks del Este. Und bedauert: "Doch das wird sich wohl die Marine unter den Nagel reißen, die hat auch keins."

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