Zeitung Heute : Don Quichotte hat Zahnweh

CHRISTINA TILMANN

Am Ende der Gewalt: In Paul Schraders Film "Der Gejagte" flieht Nick Nolte vor sich selbstVON CHRISTINA TILMANNDie Hölle, das sind die anderen.Die Hölle, das sind wir selbst.Der Winter ist Hölle.Familie ist Hölle.New Hampshire ist die Hölle.Hölle - ein Wort, das sich abnutzt beim Gebrauch, und das neues Gewicht bekommt durch Paul Schraders Film "Der Gejagte".Da ist die Hölle der alltägliche Aufenthaltsort des Polizisten Wade Whitehouse.Und dessen einmal begonnenen Weg führt der Film lakonisch und gnadenlos zu Ende - mit einem leitmotivisch immer wieder auftauchenden Thema, Schraders Lieblingsthema seit "Taxi Driver": Gewalt. Schauplatz des Dramas ist Lawford, eine verschlafene Kleinstadt in Neuengland, die so sicher ist, wie ihr Name verheißt.Wer konnte, hat das Nest längst verlassen.Wade Whitehouse aber ist geblieben.Geblieben, als sein jüngerer Bruder Rolfe nach Boston ging, um dort eine Universitätskarriere zu beginnen.Geblieben, als ihn seine Frau Lillian verließ, gemeinsam mit der kleinen Tochter Jill.Geblieben, als die Mutter starb im winterlich ungeheizten Haus.Geblieben, obwohl sich die Leute immer noch schenkelklopfend Anekdoten erzählen über Wades gewalttätigen Vater.Geblieben, weil es überall sonst genauso wäre. Wade leidet an sich.Nick Nolte, einmal mehr verquälter Charakterdarsteller, fast zur Christus-Figur stilisiert, gibt dem Einzelkämpfer die ganze störrische, ungelenke Hilflosigkeit, die einem Leben in der amerikanischen Seeleneinöde angemessen ist.Der Mann sucht Gerechtigkeit: In der Jagd auf Verkehrssünder, in der Aufklärung eines Mordes, im lebenslangen Aufbegehren gegen den gewalttätigen Vater und in seinem verzweifelten Kampf um die verlorene Liebe seiner kleinen Tochter.Und wie Don Quichotte kämpft er gegen Gespenster, die aus dem Inneren kommen.Am Ende ermittelt er gegen sich selbst. "Afflicted", wie der Originaltitel verheißt, ist mehr als "gejagt" von der eigenen Leidenschaft."Affliction", das ist die Krankheit der Whitehouse-Familie, vorgelebt vom brutal versoffenen Vater (Urgestein: James Coburn), die selbst den Jüngsten (Willem Dafoe in ungewohnter Besetzung) nicht verschont: der unselige Hang zur Gewalt.Wades bohrender Zahnschmerz, der ihn den ganzen Film über plagt, ist nur ein äußeres Zeichen.Gewalt, das ist der Ausbruch des einsamen Wolfes, der Funken Leben und Gefühl, der glimmt unter der jahrelangen Erstarrung, und dann immer wieder alles verbrennt, was von Wert war. Denn daß das Ganze ein ewiger Kreislauf ist, von Geburt an angelegt, ohne Ausbruchsmöglichkeit, ohne Rettung, ist am Ende auch dem friedliebenden Bruder Rolfe klar: "Infiziert sind wir alle.Gott schütze unsere Kinder - und die Frauen, die uns lieben." Colosseum, Delta, Filmbühne Wien, Kant, Moviemento

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