Doping im Radsport : Ritt ins Dunkel

Patrik Sinkewitz hat wohl Testosteron genommen. Es ist ein Dopingfall mit der Kraft, dem Profiradsport endgültig den Todesstoß zu versetzen.

Sebastian Moll[Marseille],Helmut Schümann
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Patrik Sinkewitz hat wohl Testosteron genommen. Es ist ein Dopingfall mit der Kraft, dem Profiradsport endgültig den Todesstoß zu...Foto: AFP

Die Lüge dürfte etwa 500 000 Euro kosten. 500 000 Euro, so hoch ist annähernd das Jahresgehalt von Patrik Sinkewitz beim Radsportteam T-Mobile, und diese Summe hat der 26-Jährige soeben aufs Spiel gesetzt. In den Wochen vor der Tour de France hatte Sinkewitz, wie in den folgenden Tagen alle anderen Fahrer der Frankreich-Rundfahrt auch, eine Erklärung unterzeichnet, in der er sich zur Zahlung seines Jahresgehaltes verpflichtete, sollte er das Reglement verletzt haben. Nach Lage der Dinge hat er.

Gestern, eine Stunde vor Etappenstart, gab der Bund Deutscher Radfahrer bekannt, dass eine am 8. Juni im Trainingslager genommene Probe einen erhöhten Testosteronwert aufweist, sechs Mal höher als der zulässige Grenzwert; Testosteron hilft beim Muskelaufbau. Sollte die zweite, die B-Probe, den Wert bestätigen, dann hat Patrik Sinkewitz, allen Dementis zum Trotz, die er auch gestern gleich abgab – „Ich? Wieso ich. Davon weiß ich nichts. Das kann nicht sein“ – gedopt.

Der nächste also? Nur ein weiterer Betrüger? Weit mehr. Der Fall Sinkewitz ist der Gau, der Super-Gau des Radsports, er hat die Kraft, dem Profiradsport den Garaus zu machen. Entsprechend fielen die Reaktionen der Betroffenen und Beteiligten aus. Brian Holm, Sportlicher Leiter des T-Mobile-Teams, berichtet von Reaktionen der Teamkollegen, die die Nachricht vom Betrug in den eigenen Reihen im Bus auf der Fahrt zum Start der gestrigen Etappe erfuhren: „erst Entsetzen, dann grenzenlose Wut“.

Die Teamleitung suspendierte Sinkewitz umgehend, ARD und ZDF stellten ihre Berichterstattung ein – und Christian Frommert, Sprecher des T-Mobile-Konzerns und in dieser Funktion seit einem Jahr, seit Jan Ullrichs Entlassung, so etwas wie ein Dauerkrisenmanager, eilte vor die Fernsehkameras. „Keine Schnellschüsse, erst einmal sollen die Fahrer aus Frankreich zurückkommen“, sagte er neben vielem anderen, was ja durchaus Überlegungen beinhaltet, dass sich der Konzern am Ende dann doch von der wohl verlogensten Sportart der Welt zurückzieht. „Das war eindeutig ein Tiefschlag für unser Programm“, sagte Frommert. „Wir können sicher nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“

Sie waren angetreten, den Radsport zu erneuern, ihn zu befreien vom Ruf des Betruges. Dazu hat das Team auf Transparenz gesetzt, hat appelliert, sanktioniert und eigene teaminterne Dopingtests eingeführt. Die gehen mit ihren Blutvolumenmessungen weit über die üblichen Tests der Dopingfahnder hinaus, nur dem Testosterondoping spüren sie nicht nach. Was keine Unterlassung ist, sondern Aufgabengebiet der Anti-Doping-Agentur Nada. Und sie hatten Bob Stapleton zum Manager gemacht, einen Quereinsteiger, der mit Radsport vorher nicht viel zu tun hatte und unverbildet die Sache anging. Sie hatten Rolf Aldag zum Sportlichen Leiter gekürt, einen geständigen und wahrscheinlich reuigen ehemaligen Doper. Aber vor allen Dingen hat das T-Mobile-Team versucht eine anderer Mentalität heranzuziehen, hat junge, vermeintlich unbelastete Fahrer gesucht und den sportlichen Sieg herabgestuft zur Nebensache.

Mit diesem Programm hatten sie sich Feinde gemacht in der Radsportszene, aber auch schon Mitstreiter gefunden, das Team Gerolsteiner etwa, die französischen Teams, und diese noch kleine Schar verströmte schon einen frischen Charme und die Aura der Aufrechten.

War man nicht schon wieder bereit, den Radsport vom Generalverdacht freizusprechen? Als in London am Tag vor dem Start der Tour die Teams sich vorstellten, da standen auch die von T-Mobile auf der Bühne, unbeholfene, fast schüchterne Jungs. Und wenn man mit ihnen sprach, auch mit Patrik Sinkewitz, schaute man in offene Gesichter, die auch mal lachten, und gerne war man bereit, diese Unbekümmertheit als Ausdruck des Stolzes auf den neuen Weg zu werten.

Gab es nicht genug Zeichen, dass es inzwischen zwei Lager im Radsport gab, da die Bösen, die Ewiggestrigen, die Betrüger und Verleugner, und hier die Guten, vielleicht Verlierer, aber ehrliche und fröhliche Verlierer? Auch in London, noch vor dem Start, wurde diese Spaltung manifestiert, als die Vertreter von T-Mobile, vom Team Gerolsteiner und den französischen Mannschaften den Bruch mit den Rest der Team-Vereinigung suchte und vollzog. Und es war doch auch schön, dass es deutsche Sportler sind, die in vielen, vielen Jahren in vielen Sportarten im Doping führend waren und nun den Anti-Doping-Kampf anführten.

Als dann am vergangenen Samstag der T-Mobile-Fahrer Linus Gerdemann eine schwere Etappe gewann und kurzfristig ins Gelbe Trikot schlüpfte, da war das kein Anlass für neue Skepsis, da war das fast schon eine erste, kleine Bestätigung, dass es doch auch ohne Doping geht. Und auch die Stürze und Rückschläge am nächsten Tag, nach dem Höhenflug der tiefe Fall, ja nun, so ist das eben in diesem Sport, ist nicht gerade der Rückfall der beste Beweis für die Lauterkeit?

Lauterkeit. Am 8. Juni war Sinkewitz in den Pyrenäen getestet worden, zusammen mit den Kollegen Kim Kirchen, Michael Rogers, Linus Gerdemann und Marcus Burghardt. Mit bei der Trainingsgruppe waren auch Rolf Aldag, Brian Holm und der Chef, Bob Stapleton, der noch am vergangenen Dienstag im Tagesspiegel seinen festen Glauben bestätigte, dass seine Fahrer alle sauber seien.

Gestern nun die Enthüllung. Das musste Stapleton erst einmal verkraften, und so zog er sich am Start der Etappe in Tallard gemeinsam mit Rolf Aldag eine halbe Stunde lang in den T-Mobile-Camper zurück. Die halbe Stunde reichte dem Amerikaner jedoch, um seinen positiven Ausblick auf das Leben und auf die Zukunft wiederzugewinnen. „Das ist natürlich ein Schock, aber es ist auch ein gutes Zeichen für den Radsport. Es zeigt, dass das Netz engmaschiger geworden ist, und es zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Die Kontrollsysteme der Anti-Doping-Agenturen und Verbände sowie das Selbstkontrollsystem des Teams, das sehe man am Fall Sinkewitz, greife so gut ineinander, dass es immer schwieriger werde zu betrügen. Es gehört zu Stapletons Grundeigenschaften, das Glas grundsätzlich als halbvoll zu betrachten.

Die positive Probe von Sinkewitz ist allerdings auch ein unzweideutiges Indiz dafür, dass selbst im Vorzeigeteam T-Mobile der Kampf gegen die alten Gewohnheiten noch lange nicht gewonnen ist. „Wir können viel tun“, sagte T-Mobile Sprecher Christian Frommert von der Konzernzentrale in Bonn aus. „Aber leider können wir nur sehr schwer das Umfeld von Athleten ändern.“ Wie Drogenabhängige kommen Doper offenbar nur sehr schwer von ihrer Gewohnheit los, so lange sie ihren Umgang nicht ändern, wollte Frommert im Hinblick auf Sinkewitz sagen, und da ist das Team machtlos.

Dass ausgerechnet jenes Team, das am offensivsten gegen das Doping vogeht, von einem neuen Dopingfall betroffen ist, dämpft die Hoffnung, dass der Radsport reformierbar ist. „Man kann eben in diesem Sport nie ganz sicher sein“, sagte selbst Stapleton mit einem Anflug von Frustration, wenn auch nicht Resignation.

Bleibt die Frage, ob ein Weitermachen überhaupt möglich ist. Steigt das Fernsehen langfristig aus, werden die Sponsoren folgen. Und dann? Linus Gerdemann, dem die Wut über die unfassbare Chuzpe des Kollegen im Gesicht abzulesen war, nannte schon einmal die Konsequenz: „Viele Arbeitsplätze sind gefährdet. Und damit der gesamte Profiradsport.“ Der Dopingfall Patrik Sinkewitz wird noch lange nachhallen.

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