Zeitung Heute : Doppelpass im Cyberspace

Bei der WM 2006 schwimmen die Fans mit dem Handy durch ein Meer von Informationen – rund um den Fußball

Heiko Schwarzburger

Vier Wochen Rummel und Millionen von Fans auf Achse: Bei der Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr will Deutschland sämtliche Rekorde brechen. Die Spiele auf dem grünen Rasen reichen hierzu jedoch nicht aus, die Fans sollen in einem Meer von Informationen rund um das Leder baden, verfügbar an jedem Spielort und zu jeder Tageszeit: Das Turnier erobert den Cyberspace.

Um die neuen Angebote in den Äther zu bringen, arbeiten die Forscher der TU Berlin unter Hochdruck. „Wir entwickeln derzeit eine Plattform für Informationsdienste zum Sport, zur Verkehrslage, zu Fahrplänen oder zu Angeboten der Tourismusbranche, die unabhängig von Endgeräten, Datennetzen und vom Mobilfunksystem überall abrufbar sein soll“, erläutert Sahin Albayrak, Professor für Informationstechnik und Leiter des Labors für verteilte künstliche Intelligenz (DAI-Labor) an der TU Berlin. „Die Fans können sich dann mit Hilfe von Handys, tragbaren Computern oder so genannten PDAs Spielszenen abrufen und sich über das Angebot in Sportbars, Chats und begleitender Events informieren. Es wird auch möglich sein, mit dem System einen persönlichen, auf die individuellen Präferenzen zugeschnittenen Tagesplan für die Spieltage zu organisieren, egal, ob in Berlin, auf Schalke oder in München.“ Das Projekt „Servingo“ wird vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert.

Die Informationsangebote müssen nahtlos verfügbar sein, im gesamten Stadtgebiet und rund um die Uhr. Bisher hapert es noch zwischen Endgeräten und Netzwerken, sie schließen nicht reibungslos aneinander an. „Dafür müssen technische Grenzen eingerissen werden, um dem Benutzer ein gleichbleibend hochwertiges Angebot zu ermöglichen“, sagt Jens Wohltorf, der als Doktorand im DAI-Labor forscht. „Ob der Nutzer nun von UMTS auf Funknetze wie Wireless LAN wechselt, das Handy durch ein Notebook ersetzt oder aber statt Tastatureingabe die Sprachauswahl bevorzugt: Der Service darf nicht abreißen, sondern muss kontinuierlich zur Verfügung stehen.“

Dafür setzen die Forscher auf intelligente Dienstmodule, die so genannten Multi Access Service Units. Sie erkennen die Eigenschaften der Endgeräte und passen ihr Angebot an die Handy-Technik oder die Notebooks an. Auf diese Weise lässt sich der Aufwand für nahtlos nutzbare Dienste erheblich senken.

Sahin Albayrak und seine Mitarbeiter sind Spezialisten für virtuelle Agenten, die im Internet spezielle Aufgaben erledigen. Das sind Softwaremodule, die sich die Vorlieben ihrer Auftraggeber merken. „Für jeden Fan, der diese Dienste nutzen will, wird ein selbstlernender Agent im Netz kreiert, der die mühselige Informationssuche für den Benutzer erledigt und ihn im Datendschungel repräsentiert“, sagt Jens Wohltorf. „Die intelligente Software stellt aus dem Internet die gewünschten Informationen bereit, die man über ein beliebiges Endgerät multimodal, das heißt auch durch eine Schnittstelle für Sprache abrufen kann.“

Die zwölf Spielorte der WM 2006 liegen ausnahmslos in gut erschlossenen Ballungsgebieten, in denen der Mobilfunk und das Internet höchste Datenübertragungsraten bieten. Mit speziellen Schnittstellen werden Internet und Mobilfunk verbunden. Der Fan ist allgegenwärtig von Informationen umgeben. „Bisher sind die Deutschen bei der Nutzung solcher Dienste sehr zurückhaltend“, meint Jens Wohltorf. „Die Weltmeisterschaft wird einen Schub bringen. In Asien beispielsweise leben die Leute die mobile Generation schon voll aus.“

Die TU-Forscher sind auch an einem Projekt beteiligt, mit dem sich Deutschland als Schrittmacher in der Informationstechnik präsentieren möchte. Schon im Vorfeld wird hierzu ein „WM Büro 2006“ als Koordinationsstelle eingerichtet, um neue Dienste und Angebote zu entwickeln. Dort sitzen Forscher, Industrielle und die WM-Organisatoren an einem Tisch. „Bisher werden die technischen Möglichkeiten der Mobilfunknetze und Endgeräte kaum genutzt. Außerdem forschen viele Projekte unkoordiniert, ohne Synergien auszuschöpfen“, meint Jens Wohltorf. „Mit dem Großereignis im nächsten Jahr wollen wir diesen Knoten durchschlagen.“

Er verweist auf die wirtschaftlichen Chancen für diese Ideen: 2008 stehen in Peking die Olympischen Spiele an, 2010 in Shanghai die Weltausstellung. Diese Ereignisse werden die Weltmeisterschaft noch übertreffen. „Unsere elektronischen Dienste könnten auch ein Exportschlager werden“, sagt er - und verabschiedet sich zum Flughafen. Er will nach Shanghai. Gemeinsam mit der Jiao Tong Universität hat die TU Berlin in der chinesischen Metropole ein Institut für Informationstechnologien gegründet. Der Brückenkopf ist bereits errichtet.

Im Internet unter:

www.dai-labor.de

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