Zeitung Heute : Doppelt verjüngte Form

ALBRECHT DÜMLING

Zwei Abende mit dem Borodin-Quartett im SchauspielhausALBRECHT DÜMLINGAls das Borodin-Quartett im Winter 1995/96 im Schauspielhaus gastierte, mußte man wehmütig entdecken, wie sehr das Niveau dieses berühmten Ensembles von Abend zu Abend schwankte.Schwächen zeigte vor allem der Bratschist Dmitri Schebalin, das zweite Gründungsmitglied neben dem Cellisten Walentin Berlinski.Nach Schebalins Ausscheiden trat inzwischen auch der Primarius zurück, so daß sich das Quartett beim jetzigen Brahms-Tschaikowsky-Zyklus in doppelt verjüngter Form präsentierte.Trotz Berlinski, der als einziges Gründungsmitglied von 1946 bis heute überdauert hat, ist vom alten Klang wenig geblieben.Der Generationenwechsel erwies sich als Verjüngungskur mit ungewissem Ausgang. Man ist noch auf der Suche.Hatte sich am ersten Abend der Cellist besonders exponiert, so bemühte man sich an den beiden folgenden Abenden um mehr Homogenität.Man hörte aufeinander, ohne dabei allerdings eigenen Interpretationsansätzen Raum zu geben.Das Ergebnis war ein glattes Spiel, das nur selten wirkliches Interesse erregte.Fast reglos verharrten die vier Musiker vor ihren Pulten, den Blick in die Noten versenkt.Der Lebendigkeit der Wiedergabe und der Kommunikation war dies nicht eben förderlich. Das a-moll-Quartett op.51,2 von Johannes Brahms stelzte so recht akademisch daher.Bei den beiden Mittelsätzen wurde vor allem die Moderato-Vorschrift streng beachtet.Besser als dem entromantisierten Andante bekam dieser klassizistische Ansatz der Eleganz des Allegretto-Mittelteils.Auch bei dem eigentlich interessanten F-Dur-Streichquartett op.22 von Peter Tschaikowsky wurden die rhythmischen Eigenheiten des Scherzos und der Klageton des Andantes nicht mit der Intensität angegangen, die man erwartet hätte.Trotz der vielen lebhaft applaudierenden Russen im Kleinen Saal des Schauspielhauses wirkte sogar noch die Strawinsky-Zugabe etwas steif. Am dritten Abend steigerte das Borodin-Quartett seine Leistung, nun allerdings vor halbleeren Sitzreihen.Der Niveauanstieg lag wesentlich daran, daß der sonst auffallend introvertierte neue Primarius, der 1947 in Riga geborene Ruben Aharonian, seine sonstige Reserve aufgab.Im überraschend homophonen B-Dur-Quartett op.67 von Brahms spielte er die Gegenrhythmen kraftvoll, um dann in der weitgeschwungenen Melodik des Andante zu süßem Schmelz überzuwechseln.Der Tschaikowsky-Preisträger kann also, wenn er will und darf.Mit Igor Naidin machte sich auch im dritten Satz die jüngere Generation positiv bemerkbar.Der samtig-voluminöse Ton seiner Bratsche brachte Farbdimensionen ins Spiel, die zuvor fast ängstlich der Homogenität geopfert worden waren. Auch bei Tschaikowskys drittem Streichquartett op.30 erreichten die heutigen Borodins noch nicht das hohe Niveau der Vorgängerbesetzung.Die kleinen Koordinationsprobleme zwischen Cello und Violine nahm man aber gerne in Kauf angesichts der besonders im Finale spürbaren Energie.Die ruckartige Isorhythmik im Andante funebre e doloroso ließ aufhorchen, schienen hier doch bereits die schwermütigen Tangos Astor Piazzolas vorweggenommen.

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