Zeitung Heute : Doppelter Durchblick

Immer mehr kurzsichtige Kontaktlinsenträger kommen in die Jahre – und brauchen auch zum Lesen eine Sehhilfe

Adelheid Müller-Lissner

GESUNDHEIT SPEZIAL: BESSER HÖREN, BESSER SEHEN

Mit 20 Jahren bemerkte sie, dass sie an der Tafel im Uniseminar nicht lesen konnte, was andere mühelos abschrieben. Im Kino hatte sie schon längere Zeit lieber vorne gesessen. Der Augenarzt machte es dann amtlich: „Sie sind kurzsichtig, Sie brauchen eine Brille.“ Einige Zeit lang trug Hannah L. das neue Accessoire in der Tasche. Nur fürs Auto fahren, im Kino und in der Uni setzte sie die Brille auf. Einige Jahre ging das so, bis Mitte der 70er eine neue Sehhilfe ihren Siegeszug antrat: Die junge Frau ließ sich die ersten Kontaktlinsen anpassen. Zunächst waren es die harten Linsen, dann die weichen, die oft für Aufregung sorgten, weil man sie so leicht verlor.

An die aufwändigen Reinigungsprozeduren hatte sie sich längst gewöhnt, als vor etwa zehn Jahren die „Wegwerflinsen“ auf den Markt kamen, die man einen Tag lang oder bis zu einem Monat tragen kann. Diese weniger kostbaren Stücke waren gerade recht, um ihr vergleichsweise einfaches optisches Problem zu lösen, das sie mit Millionen Bundesbürgern teilt: Kurzsichtige sehen Gegenstände ab einer bestimmten Entfernung unscharf, weil sich parallel einfallende Lichtstrahlen bereits vor der Netzhaut schneiden. Meist ist eine Überlänge des Augapfels die Ursache. Durch konkave Brillengläser, hinter denen die Augen typischerweise kleiner erscheinen, oder durch entsprechende Kontaktlinsen kann der Brechungsfehler korrigiert werden.

Kurzsichtige gewöhnen sich an ein Leben mit der Sehhilfe, die sie über mehrere Jahrzehnte begleitet: Für die einen gehören schicke neue Designer-Brillengestelle, aber auch beschlagene Gläser im Winter, für die anderen die Mitnahme der kompletten Linsenreinigungs-Ausrüstung an jeden Kurzübernachtungsplatz zum Alltag.

Man denkt nicht mehr groß darüber nach. Bis mit Mitte 40, Anfang 50 ein neuartiges Problem in das Blickfeld des Brillen- oder Kontaktlinsenträgers gerät, eine Unschärfe der ungewohnten Art: Nun macht auch das Sehen in der Nähe Schwierigkeiten. Während Freunde und Bekannte, die nie eine Brille brauchten, plötzlich im Restaurant ihre Lesebrillen zücken, um die beginnende Altersweitsichtigkeit zu kompensieren, setzt der Kurzsichtige die seine ab, wenn er Kleingedrucktes entziffern muss.

Irgendwann wird er, wenn das Auf und Ab ihm zu viel wird, sich eine Brille mit Bifokalgläsern oder eine raffiniertere Gleitsichtbrille verordnen lassen. Deren Glas ist im oberen Bereich geschliffen wie immer, für guten Fernblick im Auto und im Kino. Mit stufenlos gleitenden Übergängen bietet es jedoch unten durch eine andere Gläserstärke besseren Lesekomfort.

Inzwischen ist jedoch eine Generation von Kurzsichtigen in die „Lesebrillen“-Jahre gekommen, die sich, wie Hannah L., ein Leben ohne Kontaktlinsen gar nicht mehr vorstellen kann. Eine Option heißt dann: Linsen wie gewohnt, dazu bei Bedarf die Lesebrille auf die Nase gesetzt. Manche Kontaktlinsenträger behelfen sich auch damit, das eine Auge – wie gewohnt – für die Ferne, das andere mit einer neuen Linse für die Nähe auszustatten. Dann ist allerdings kein räumliches Sehen möglich. Die andere Möglichkeit besteht in speziellen Kontaktlinsen, die erst seit wenigen Jahren verfügbar sind. Sie enthalten auf engem Raum zugleich die Korrektur für die Nähe und für die Ferne.

In der Regel findet sich im Zentrum der Linse die Stärke für die Ferne, am Rand der Bereich, der komfortables Lesen ermöglicht. Im Kino oder Theater hält der Linsenträger also den Kopf gerade und schiebt die Linse mit dem Lid dadurch zentral vor die Hornhautmitte. Senkt er den Kopf und entspannt das Lid, dann verschiebt sich die Linse so, dass der „Lesebrillen“-Anteil vor dem optischen Zentrum des Auges liegt. „Damit die Gleitbewegung der Linse vor der Hornhaut auf beiden Augen gleichmäßig erfolgen kann, müssen solche Linsen äußerst sorgfältig angepasst werden, und „das kann nicht jeder Optiker oder Augenarzt“, erklärt Hans-Walter Roth, der Leiter des Ulmer Instituts für wissenschaftliche Kontaktoptik.

Fatale Folgen in der Nacht

Wenn die Linse zu leicht verrutscht, kann das zum Beispiel beim Autofahren fatale Folgen haben. Auf dem Markt sind bifokale Linsen, die nur zwei „Gläserstärken“ enthalten, und multifokale Modelle mit gleitenden Übergängen. Nach Roths Erfahrung kommen die meisten mit multifokalen Linsen besser zurecht. „Die bifokalen Linsen führen zu einem Bildsprung mit Doppelbildsehen im Übergangsbereich, und daran können sich viele Menschen nicht gewöhnen.“

Bei beiden Systemen muss allerdings eine Trainingsphase einkalkuliert werden. Noch schwieriger ist nach Roths Einschätzung die Gewöhnung an ein drittes, besonders ausgeklügeltes System, bei dem Nähe und Ferne von einer einzigen optischen Zone bedient werden. „Viele Patienten sehen hier Doppelbilder, und bei weit gestellter Pupille, also zum Beispiel nachts am Steuer, kann das teuflisch werden!“

Eine australische Studie aus dem Jahr 2001 ergab, dass bisher nur drei bis vier Prozent der verschriebenen Kontaktlinsen die Doppelfunktion bieten, obwohl mittlerweile 20 Prozent aller Kontaktlinsenträger über 45 Jahre alt sind. „Nur gut motivierte jüngere Alterssichtige tolerieren die Nachteile“, schreiben die Augenärzte. Dazu gehören auch geringere Kontraste und schnellere Ermüdbarkeit, vor allem nach konzentrierter Naharbeit bei schlechtem Licht. Hinzu kommt, dass mit zunehmendem Alter bei vielen Menschen geringerer Tränenfluss und Augentrockenheit überhaupt das Tragen von Kontaktlinsen beschwerlicher und auch gefährlicher machten.

„Das System der multi- und bifokalen Linsen ist äußerst wichtig, weil heute immer mehr Menschen altersweitsichtig werden, die schon viele Jahre erfolgreich eine Kontaktlinse tragen und nicht zur Brille zurück wollen“, resümiert Augenarzt Roth. Zurzeit übt er selbst, mit den neuen Linsen umzugehen. Gleichzeitig wird an seinem Institut an einem System geforscht, bei dem zwei bewegliche, übereinander gesetzte Kontaktlinsen zum Einsatz kommen.

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