Zeitung Heute : Dosen schließen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

Aus, vorbei, Ende. The party is over: England schafft die Tupperparty ab. Am 31. März werden die Vorratsdosen das allerallerletzte Mal in Großbritanniens Wohnzimmern verkauft. Nach über 40 Jahren wird dann das endgültig letzte Mal zwischen Plastikschüsseln gelacht und geseufzt – von den Damen und den Dosen. Denn das war ja der Grund für den Direktvertrieb: Die Erfindung des Chemikers Earl Tupper schließt so luftdicht ab, dass man das Schließen des Deckels erst mal üben muss, mit dem Handballen und mit dem Ohr. Denn erst wenn der charakteristische Tupper-Seufzer erklingt, ist der Deckel wirklich zu, dann kann nichts mehr passieren, kein Gefrierbrand, kein Kühlschrankgeruch. Doch die Engländerinnen wollen heutzutage offensichtlich lieber andere Seufzer hören: Nur die Verkaufsparties von Ann Summers, der Beate Uhse von Großbritannien, boomen.

Aber die Briten waren ja schon immer etwas Besonderes. In Deutschland, beeilt sich der Tupper-Vertreter zu erklären, ist alles ganz anders. Hier zu Lande sei die Party noch immer „das Herzstück“ des Geschäfts: 1,5 Millionen Parties gibt es hier im Jahr, alle 2,5 Sekunden findet eine irgendwo auf dieser Erde statt. Und kein Schwein lädt mich ein. Ein einziges Mal in meinem Leben war ich auf einer Tupperparty, da hab’ ich mich selbst eingeladen, rein beruflich, versteht sich.

Was ist bloß mit meinen Freundinnen los?! Dabei hat sich die Firma doch alle Mühe gegeben, das 50er-Jahre-Heimchen-am-Herd-Image abzustreifen. Zum 40-jährigen Deutschlandjubiläum wurde ein Kochbuch veröffentlicht, ein Kochbuch von heute, da gibt’s Linguine mit Tomaten-Nuss-Pesto und Lammkeule mit Senfkruste & Co.; „Ökotest“ lobt die Schüsseln als „rundum empfehlenswert“, schließlich halten sie ein Leben lang und haben 30 Jahre Garantie; und das Design-Zentrum Nordrhein-Westfalen hat die Polyäthylen-, Polypropylen-, Polykarbonat-Ware mit einer großen Ausstellung geehrt. Im Katalog dazu werden Goethe und Hannah Ahrend als Kronzeugen zitiert – und bei mir steht noch immer, einsam und alleine, nur ein einziges kleines rundes Tupperdöschen in meinem Schrank, zwischen Dutzenden von Billig-Plastikdosen, in denen der Käse verschimmelt und der Salat schlapp macht. Nicht mal den Namen weiß ich von meinem kleinen Tupperdöschen. Und den hat er bestimmt, Kleiner Eidgenosse oder Großer Eidgenosse, Küchen-Perle und Pfiffikus, die Namen gehören zu Tupper wie Billy zu Ikea.

In Großbritannien wird jetzt erst mal ein paar Monate lang nachgedacht, wie es weitergehen sollen, in Deutschland geht man nebenher schon versuchsweise andere Vertriebswege. Im Forum Steglitz, hatte ich mir sagen lassen, soll es einen Tupper-Laden geben, den ersten in Berlin. Nichts wie hin. Und: wieder Pech gehabt: Der Laden ist schon weiter gezogen. Eine Dame empfiehlt, doch in einem Küchen-Laden im ersten Stock nachzuschauen, die haben auch alles Mögliche, Teller und Tassen, Gläser und Wein, Schüsseln und Schalen und Keramikvorratsdosen. Und eine sehr nette Verkäuferin. Aber keinen Eidgenossen.

www.tupperware.de . Forum Steglitz, am U-Bahnhof Walther-Schreiber-Platz.

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