Downsyndrom : „Lass mich, du Seggel!“

In breitestem Schwäbisch knödelt sie Sätze und gluckst vor Freude. Es ist ein kleines Wunder, dass Gisela Großer bis heute überlebte, erst die Nazis, und dann auch alle ärztlichen Prognosen: Gerade wurde sie 68 Jahre alt – trotz Downsyndrom.

Christine Keck[Riedlingen]

Die halbe Kirche dreht sich nach Gisela Großer um, als sie mitten im Lied in den Gottesdienst platzt. Sie steuert die Parkgelegenheit für ihren Gehwagen an, ein Pfeiler unweit des Altars, und schnappt sich ihre knallrosa Henkeltasche. „Hello Kitty“ steht darauf, drin steckt das Gebetsbuch. Für die Nachzüglerin wird aufgerückt.

Die Rentnerin ist ein Fliegengewicht und findet immer jemanden, der ihr die schwere Kirchentür aufdrückt. Sie misst keinen Meter fünfzig, reicht auf der Holzbank mit den Stiefeln kaum auf den Boden. Für Gisela Großer ist vieles eine ewige Geduldsübung und umgekehrt genauso. Sie stellt die Gemeinde auf die Probe, brabbelt vor sich hin, zählt das Geld ab, das sie in den Klingelbeutel wirft – zwei Euro fünfzig. Alleine in die Kirche zu gehen ist ihr Sonntagsritual und eine Übung in Selbstständigkeit.

„Lass mich“, wehrt sie in die Stille schreiend ihre Nachbarin ab, die ihr beim Friedensgruß die Hand geben will. Die reicht sie nur dem jungen Ministranten und schaut ihm dabei ernst in die Augen.

Gisela Großers Direktheit ist so schockierend wie liebenswert. Sie sagt, was sie denkt und manchmal tut sie damit anderen weh. Sie teilt ihre Ablehnung und ihre Zuneigung, traut sich, Wildfremde in den Arm zu nehmen und ihnen Komplimente zu machen. Eine Meisterin im Flirten, zerbrechlich, zart, ein weißer Flaum auf dem Kopf wie Wellenschaum. In tiefstem Schwäbisch knödelt sie fast unverständliche Sätze hervor, verschluckt die Hälfte der Laute und gluckst zwischendurch vor Freude. Als ahne sie womöglich doch, dass es an ein Wunder grenzt, dass sie noch immer lebt, die Frau, die es gar nicht geben dürfte.

Sie werde höchstens 25, mit etwas Glück, Vitaminen und Spritzkuren vielleicht 30, sagten die Ärzte voraus.

Sie sei lebensunwert, sagten die Nazis und wollten das Volk von Menschen wie ihr befreien.

Die Kinder-„Euthanasie“ war schon angelaufen, als Gisela Großer am 20. Februar 1942 im oberschwäbischen Riedlingen mit seltsam schräg gestellten Augen, einem Herzfehler und einem Chromosom zu viel geboren wurde. „Mongoloide Idiotie“ lautete die Diagnose und das Todesurteil. Denn damals war jeder Arzt, jede Hebamme, jede Entbindungsanstalt verpflichtet, erkrankte Neugeborene zu melden. Doch bei dem Riedlinger Baby scheinen wundersamerweise alle weggeschaut zu haben, das war die Rettung – und so zählt die 68-jährige Gisela Großer heute zu den wenigen Alten in Deutschland mit dem Downsyndrom, der Genmutation, die den Menschen geistig einschränkt, sein Herz, die Lungen, das Immunsystem schwächt.

Die kleine Frau aber ist rüstig, schaut mit ihrem großen Sturkopf in Geschichtsbüchern und Zeitungen nur die Bilder an, Buchstaben sind ihr fremd. Sie ärgert sich nicht über Politik, sondern über Gartentore, die offen stehen, und macht sie im Vorbeilaufen zu. Ihr Gesicht sieht beim Lachen aus wie die Sonne – mit Falten wie Strahlen rund um die hellblauen Augen. Aber sie kann auch schimpfen, was ihre Stimmbänder zulassen. „Ich will meine Ruhe“, wirft sie ihrem Bruder Ulrich an den Kopf, „lass mich, du Seggel“. Es ist Sonntag, kurz vor zehn Uhr und Gisela Großer ist drauf und dran, zu spät zum katholischen Gottesdienst zu kommen. „Jetzt aber hopp“, mahnt ihr Bruder und klatscht in die Hände. Es ist ein Spiel, das beide kennen, es gehört zum Tag wie der Obstteller zum Frühstück. Ohne jemanden, der sie antreibt, würde Gisela die Zeit vergessen – trotz ihrer vier Wecker, die sie auf die Minute genau gestellt hat. Widerwillig lässt sie sich die Jacke überziehen, wird grantig, weil sie den Gehwagen mitnehmen soll. „Immer der Scheißwagen“, meckert sie und stapft Richtung Glockengeläut davon.

In Riedlingen ist Gisela Großer so bekannt wie der Pfarrer. Beim Bäcker bekommt sie süße Stückchen geschenkt, auf dem Friedhof hat sie sich auf ihre Art mit den Nachbarn angefreundet – sie verteilt Weihwasser und neugierige Blicke. Vor gut vier Jahren ist sie zurückgekehrt in die Doppelhaushälfte ihrer Familie, wo sie zusammen mit ihrem Bruder Ulrich wohnt. Der hat gewagt, was ihm keiner zugetraut hat: erst die pflegebedürftige Mutter bis zum Tod zu versorgen und dann noch die geistig behinderte ältere Schwester aus dem Heim zu sich zu holen.

„Ich habe das bisher keinen einzigen Tag bereut“, sagt Ulrich Großer, schwarze Lederhose, Ringelpulli und immer bereit für Faxen. Er hat seine Wohnung in Berlin-Kreuzberg gekündigt, er hat aufgehört, sich zu bedauern, weil die Wirtschaftsberatung, in der er gejobbt hatte, pleitegegangen war, und zog wieder in die Heimat. Katholisches Oberschwaben statt Berliner Kiez, Pflegegeld statt Hartz IV – für den 58-Jährigen eine Entscheidung, von der alle profitiert haben, wie er versichert.

„Hallo Mutti“, grüßt Gisela Großer und bugsiert auf dem kirchennahen Friedhof ihren Gehwagen vor den Grabstein mit brennender Kerze. Sie setzt sich auf den Rollator wie auf einen Stuhl. „Ich wünsche dir noch alles Gute zum Geburtstag und dass du im Himmel beim lieben Gott bist.“ Nach dem Tod ihrer Mutter ist sie bald täglich zum Zwiegespräch hergekommen, plauderte ihre Trauer weg, stundenlang und in Endlosschleifen. Nach zwei, drei Jahren hat das Redebedürfnis nachgelassen. „Da unten ist es dunkel“, seufzt Gisela Großer, „da will ich nicht rein, da verfaul’ ich.“ Sie hat es plötzlich eilig, sich zu verabschieden. Die Kälte setzt ihr zu, und daheim gibt es Sauerbraten mit Rotkraut und Knödeln.

Wie Gisela Großer dem systematischen Vernichtungswahnsinn des Dritten Reichs entkommen konnte, weiß keiner so genau. Der Arzt im Riedlinger Krankenhaus habe sie geschützt, glaubt Ulrich Großer. „Die Mutter kann ihr Kind gut allein versorgen“, soll er nach der Geburt gesagt haben. Die Familie wohnte in Heiligkreuztal, einer abgeschiedenen Klosteranlage hinter Riedlingen, wo jeder jeden kannte und Fremde selten waren. Im oberen Stock des Herrenhauses gegenüber der Kirche hatten die Großers ihre Ruhe. Der Vater ein angesehener Prokurist bei einer Zwirnerei, die Mutter eine gläubige Katholikin, die sechs Kinder auf die Welt brachte.

Die Angst vor dem Schlimmsten sei immer da gewesen, erinnert sich Giselas Schwester Mechthild Zimmermann. Ihre Mutter habe miterleben müssen, wie einer guten Freundin aus dem Ort das behinderte Baby weggenommen wurde – angeblich zur besseren Betreuung in einem Heim. Kurz darauf kam der Brief, dass die Kleine leider verstorben sei. Der Weg in den Tod war genau geplant. Drei Gutachter des Reichsausschusses entschieden aufgrund der Meldebogen, wer in eine der Kinderfachabteilungen eingewiesen wurde und etwa nach Stuttgart oder Eichberg kam. Eine Überdosis Schlafmittel, unters Essen gemischt oder gespritzt, brachte die Kinder um. Sie fielen in einen Dämmerschlaf, starben an Atemlähmung, Kreislaufversagen oder Lungenentzündung. Auf mindestens 5000 schätzen Historiker die Zahl der Opfer.

Das Polster des Wohnzimmersessels verschluckt Gisela Großer beinahe. Am Nachmittag sortiert sie Fotos – exakt legt sie die Kanten aufeinander. „Alle müssen in eine Tüte“, drängt sie und hält manche Bilder falsch herum. Ihre Augen sind schlechter geworden, der krumme Rücken schmerzt, und manchmal machen die Innereien, was sie wollen. Auf 60 Jahre haben die Ärzte die Lebenserwartung von Menschen mit Downsyndrom nach oben korrigiert, Gisela Großer liegt längst über dem Schnitt. Immer öfter muss ihr Bruder Uli ran, ihr Pfleger, Kritiker und Freund, dem sie ein Küsschen auf die Backe drückt, um ihm zwei Minuten später einen Klaps auf den Po zu geben. Sie weiß, wie sie ihn ärgern kann. „Der zieht immer meine Sachen an“, feixt sie und legt mit einem Lächeln nach: „Zu Hause bin ich glücklich.“

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