Dr. WEWETZER : Blaubeeren fürs Gehirn

Hartmut Wewetzer

von

Blaubeermuffins esse ich für mein Leben gern. Und jetzt habe ich auch noch einen guten Grund dafür. Denn die Früchte können Gedächtnis, Lernen und die allgemeine mentale Fitness verbessern. Darauf deutet eine Reihe von Untersuchungen hin. Die Blaubeere ist da gewissermaßen der Primus unter den Obst- und Gemüsearten. Auch Wein, Tee und Schokolade stehen im Verdacht, unseren Geist geschmeidig zu halten. In Maßen genossen, versteht sich.

Der gemeinsame Nenner all dieser Nahrungsmittel sind die Flavonoide, eine Gruppe von mehr als 6000 pflanzlichen Substanzen. Ihnen schreibt man hauptsächlich den günstigen Einfluss von Früchten wie den Blaubeeren auf unsere intellektuelle Verfassung zu. Flavonoide sind ein Glücksfall der Natur. Als Antioxidantien tragen sie dazu bei, im Stoffwechsel entstehende freie Radikale – besonders aggressive chemische Verbindungen – zu entschärfen.

Aber das ist vermutlich nicht die Art und Weise, in der sie den Verstand schärfen. Eher sind Flavonoide daran beteiligt, die Biochemie des Gehirns in Schwung zu halten. Sie fördern die Bildung von Kinasen, von diesen körpereigenen Enzymen sind viele für Lernen und Gedächtnis wichtig. Und sie regulieren das Gleichgewicht zwischen Kinasen und Phosphatasen, anderen körpereigenen Eiweißstoffen. Das wiederum hilft, die Kontakte zwischen den Nervenzellen intakt zu halten, wie das Magazin „Scientific American Mind“ berichtet. Möglicherweise schützen sie auch Nervenzellen vor dem Untergang.

Besonders eindrucksvoll ist eine Studie aus diesem Jahr. Robert Krikorian von der Universität von Cincinnati gab einer kleinen Gruppe älterer Testpersonen, die unter leichtem Gedächtnisschwund litten, jeden Tag zwei Gläser Blaubeersaft zu trinken. Nach zwölf Wochen schnitten die Safttrinker in Gedächtnistests im Durchschnitt um 30 Prozent besser ab als Vergleichspersonen, die nur ein gesüßtes Getränk bekommen hatten – mit Beerengeschmack, aber ohne Flavonoide.

Der Schluss, eine Blaubeer-Diät beuge geistigem Abbau vor, liegt nahe. Vielleicht ein wenig zu nahe. Denn die Untersuchung ist einfach zu klein, um das zweifelsfrei zu belegen. Auch die anderen Studien, die einen günstigen Einfluss der Flavonoide auf den Geist feststellten, sind nicht frei von Mängeln. So kann es sein, dass Menschen, die laut Ernährungs-Fragebogen besonders viel Flavonoide zu sich nehmen, generell mehr auf ihre Gesundheit achten. Das kann das Ergebnis beeinflussen und verzerren.

Damit soll nicht geschmälert werden, dass Beeren, Zitrusfrüchte, Weintrauben, Soja, Spinat, Zwiebeln, Petersilie und so mach andere Flavonoid-Spender gut für unser Wohlergehen sind. Aber sie sind natürlich auch kein Allheilmittel.

Welche der Pflanzenstoffe im Einzelnen das größte Potenzial als Lernhilfe und Gedächtnisstütze haben, ist noch nicht klar. Auch aus diesem Grund empfiehlt es sich, statt zu Extrakten eher zu ganzen Früchten zu greifen. Für mich heißt das: Mehr Blauberren, weniger Muffins. Zumindest im neuen Jahr.

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