Dr. WEWETZER : Brille bremst Sehverlust

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Hilfe für stark Kurzsichtige

Die Menschen werden immer kurzsichtiger. In manchen Regionen Ostasien ist mittlerweile jeder zweite Zwölfjährige kurzsichtig! Australische und chinesische Forscher haben nun stark kurzsichtige Kinder mit speziellen Brillen behandelt – mit bescheidenem, aber durchaus messbarem Erfolg.

Die im Mittel zehnjährigen Kinder litten unter einer „malignen Myopie“. Diese gefährliche Form der Fehlsichtigkeit verschlimmert sich von Jahr zu Jahr, die Brillengläser werden dicker, Spätfolgen sind Netzhautablösung und ein höheres Risiko für Augenleiden wie den grauen und den grünen Star. Das Risiko für diese Störung ist vermutlich schon in den Genen angelegt, betroffen sind etwa ein bis zwei Prozent aller Kinder.

Die Kinder bekamen Bifokalbrillen auf die Nase, wie sie eigentlich erst viel Ältere tragen, um Kurz- wie Weitsichtigkeit zu korrigieren. Die Idee dahinter: Beim eigentlich noch funktionierenden Nahsehen werden die Augen der Kinder entlastet. Das bremste offenbar schädliches Augenwachstum, wie die Ergebnisse nach zwei Jahren zeigten. Nach dieser Zeit hatte bei Kindern mit herkömmlichen Brillen die Kurzsichtigkeit um rund 1,5 Dioptrien zugenommen, bei Kindern mit Bifokalbrillen dagegen nur um knapp eine Dioptrie, bei Kindern mit „prismatischen“ Bifokalbrillen – sie erleichtern das Zusammenspiel der Augen – sogar nur um 0,7 Dioptrien. „Bifokale Brillen können bei kurzsichtigen Kindern mit einem jährliche Fortschreiten von mindestens 0,5 Dioptrien erwogen werden“, schreibt der Studienautor Desmond Cheng von der Polytechnischen Universität Hong Kong.

„Die Ergebnisse sind vielversprechend, aber die Frage ist, ob sie auf lange Sicht anhalten“, sagt Peter Rieck von der Charité-Augenklinik. In diesem Fall könnte die Brillen-Behandlung einen echten Fortschritt darstellen. Ähnlich gute Erfahrungen habe man bei uns mit Kontaktlinsen erzielt, die in Ostasien nicht immer zur Verfügung stehen, sagt Rieck.

Bleibt die Frage, wie sich die Zunahme der Kurzsichtigkeit erklärt. Noch vor einigen Jahren waren es überwiegend die Gene, die als Erklärung herhalten mussten. Sie spielen tatsächlich eine wichtige Rolle. Sind beide Eltern betroffen, ist das Risiko für das Kind höher.

Aber der moderne Lebensstil fordert ebenfalls seinen Tribut. Das Lesen von Büchern und die Zeit vor dem Computer zwingen das kindliche Auge, sich auf nahe Objekte einzustellen. Um den dafür zuständigen Augenmuskeln die „Naharbeit“ zu erleichtern, wächst der Augapfel in die Länge. Ein Trainingseffekt mit der Folge, dass das vergrößerte Auge Gegenstände in der Ferne nicht mehr scharf sehen kann. Es hat sich ganz an die Nähe gewöhnt. Wer den Tag vor dem Computer verbringt, sollte deshalb seinen Augen öfter Pausen gönnen und sie in die Ferne schweifen lassen. Auch die Erfahrung mit den Bifokalbrillen bestätigt die Annahme von der erworbenen Kurzsichtigkeit. Denn die Brille übernimmt für das Nahsehen die Funktion einer Lupe, die den Augenmuskeln Arbeit abnimmt.

Zeit für einen Blick aus dem Fenster.

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