Dr. WEWETZER : Den Lärm leiser drehen

Hartmut Wewetzer .

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Wenn es viele Therapien gegen ein Leiden gibt, ist das kein gutes Zeichen. Meist hilft keine richtig. So ist es leider auch beim Tinnitus, dem Pfeifen, Klingeln oder Brummen im Ohr, das nicht vergehen will. Ein häufiges Problem, denn jeder Fünfte macht irgendwann Bekanntschaft mit dem Lärm, der aus dem Nichts kommt. Es gibt unzählige Behandlungsansätze, mit denen man den chronischen Ohrgeräuschen zu Leibe rücken will. Die Erfolge halten sich in Grenzen. Aber es gibt messbare Fortschritte, wie eine Untersuchung holländischer Therapeuten belegt.

Das Team unter Leitung von Rilana Cima und Johan Vlaeyen von der Universität Maastricht kombinierte zwei relativ gut erprobte Verfahren, die Tinnitus-Retraining-Therapie und die Verhaltenstherapie. Beiden ist gemein, dass sie die Ursache des Tinnitus nicht etwa im Ohr selbst, sondern an höherer Stelle im Gehirn ansiedeln. Dort also, wo die Nervensignale aus den Sinnesorganen verarbeitet und interpretiert werden.

Beim Retraining wird über eine Art Hörgerät ein leises, eher angenehmes Geräusch ins Ohr gesendet, etwa ein Rauschen oder Plätschern. Es soll es dem Tinnitus-Patienten erleichtern, sich an seinen unangenehmen „Mann im Ohr“ zu gewöhnen. Auch die Verhaltenstherapie zielt darauf ab, die innere Einstellung zu verändern, etwa mit Schulungen, Übungen und Entspannungstechniken. Der Stress soll gemildert, die Lebensqualität verbessert werden.

Offenbar lassen sich beide Verfahren gut kombinieren, wie die Therapeuten, ein Team aus Gehörexperten, Ärzten, Psychotherapeuten und Sozialarbeitern im Fachblatt „Lancet“ berichten. Sie verglichen die intensive und mehrstufige Kombibehandlung mit einer herkömmlichen Tinnitus-Betreuung. Rund 500 Patienten wurden dazu willkürlich in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine erhielt die herkömmliche, die andere die kombinierte Therapie. Nach einem Jahr zog man Bilanz. In Sachen Lebensqualität war die neue Behandlung erfolgreicher, das Ohrgeräusch war abgeschwächt und die Beeinträchtigung gemildert.

Einen „deutlichen Zusatznutzen“ im Vergleich zu weniger organisierten Behandlungsformen sieht Berthold Langguth, Tinnitus-Spezialist an der Regensburger Uniklinik. „Leider wird den meisten Patienten noch immer gesagt, dass man nichts tun kann“, bedauert Langguth. Dabei sieht der Neurologe mehr als nur einen Silberstreif am Horizont. „Es gibt viele verschiedene Formen von Tinnitus, und in den letzten zehn Jahren konnten wir mithilfe der Hirnforschung den Ursachen auf die Spur kommen“, sagt Langguth.

Häufig sei das Ohrgeräusch eine Überreaktion des Gehirns auf ein schlechter werdendes Hören – der innere „Verstärker“ wird hochgeregelt. Das Gehirn arbeite zwar falsch, aber es sei nicht in seiner Substanz geschädigt. „Es gibt keine grundsätzliche Barriere, die eine Heilung unmöglich machen würde“, sagt Langguth. Vielversprechende Behandlungen seien in der Entwicklung. Die Stille wird vielleicht eines Tages wiederkehren.

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