Dr. WEWETZER : Hyperaktiver Spätzünder

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Meist wächst sich die Zappel-Philipp-Störung aus

Hartmut Wewetzer

Was soll bloß aus meinem Kind werden?“ Das fragen sich verzweifelte Eltern nicht selten, wenn bei ihrem Sohn oder ihrer Tochter eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) festgestellt wurde. Kinder mit ADHS werden leicht abgelenkt, können sich im Unterricht nicht konzentrieren, träumen vor sich hin. Oder sie sind impulsiv, gehen über Tische und Bänke, haben ihren Körper nicht im Zaum. Drei bis fünf Prozent der Schulkinder sollen von ADHS betroffen sein.

Was steckt dahinter? Seit die Störung erstmals beschrieben wurde, debattieren Forscher darüber, ob sie auf einer entgleisten oder lediglich verzögerten Entwicklung des Gehirns beruht. Jetzt haben amerikanische Forscher eindrucksvoll nachgewiesen, dass das Gehirn von ADHS-Kindern im Schnitt um drei Jahre später heranreift als das von „normalen“ Kindern. In den meisten Fällen renkt sich später alles ein. Etwa drei von vier Kindern wachsen buchstäblich aus der Störung heraus, meint Philip Shaw, Kinderpsychiater und Leiter der Studie. Man kann also viele Eltern beruhigen: Aus ihren hibbeligen Kindern werden ganz normale Erwachsene.

Shaw und sein Team vom Nationalen Institut für mentale Gesundheit der USA benutzten für ihre im Fachblatt „PNAS“ veröffentlichte Studie die Kernspintechnik („Hirnscanner“). Mit diesem ungefährlichen Verfahren ist es möglich, detaillierte Bilder vom Gehirn aufzunehmen.

Die Forscher verglichen die Gehirne von 446 6- bis 16-jährigen Kindern mit und ohne ADHS. Mit dem Hirnscanner ermittelten sie die Dicke der Hirnrinde. In dieser wenige Millimeter umfassenden äußeren Schicht des Gehirns sitzen dicht gepackt Milliarden von Nervenzellen. Während der frühen Kindheit schwillt die Hirnrinde an, unter anderem, weil neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen geknüpft werden. Während des Erwachsenwerdens dünnt sich die Hirnrinde wieder aus, überflüssige Verknüpfungen werden gekappt.

Die Wissenschaftler ermittelten, wann die Hirnrinde der Kinder ihre größte Dicke hatte. Bei Kindern ohne ADHS war dies im Mittel bei siebeneinhalb Jahren der Fall, bei Kindern mit ADHS drei Jahre später, mit zehneinhalb. Das grundsätzliche Muster der Hirnreifung von hinten nach vorn glich dem gesunder Kinder, es lief nur später ab.

Auffällig groß war die Verzögerung in vorderen Bereichen des Hirns, die mit planvollem Denken, Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle – typischerweise Dinge, die ADHS-Kindern schwerfallen. Zugleich reiften jene Bereiche der Hirnrinde etwas schneller als bei normalen Kindern, die mit der Muskelsteuerung betraut sind. Vielleicht eine Erklärung für die Zappeligkeit vieler ADHS-Kinder, meinen die Forscher.

Doch bei allem Wunsch nach Normalität: ADHS ist nicht immer nur eine Last. Überaktive Kinder sind besonders wach und stecken nicht selten voller Ideen. Reifung in Zeitlupe kann auch ihre Vorteile haben.

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