Dr. WEWETZER : Kleiner, praller, gesünder

Fortschritt ist eine Frage des Standpunkts. Die einen sehen ihn unablässig am Werk, andere dagegen machen den Fortschritt für die Übel der Welt verantwortlich. Zumindest die Evolution hält, was sie verspricht.

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Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Fortschritt ist eine Frage des Standpunkts. Die einen sehen ihn unablässig am Werk, andere dagegen machen den Fortschritt für die Übel der Welt verantwortlich und halten ihn gar für einen Rückschritt. Da ist es tröstlich, dass zumindest die Evolution hält, was sie verspricht. Sie geht nämlich weiter, wie amerikanische Wissenschaftler vor kurzem festgestellt haben – auch bei uns Menschen. Langsam zwar, aber stetig. Mit gesundheitlich durchaus positiven Auswirkungen.

Ein Standardargument gegen das Weiterwirken der Evolution ist die Behauptung, komfortable Lebensbedingungen und die moderne Medizin hätten die natürliche Auslese außer Kraft gesetzt. Unter der Glasglocke der Zivilisation verweichliche der Mensch zusehends. Kein Zweifel, in vielen Weltregionen sind Hungersnöte und Epidemien selten geworden, werden gefährliche Keime mit Impfungen verdrängt und Verletzungen erfolgreich behandelt. Zum Glück!

Wer so argumentiert, übersieht aber, dass der „Kampf ums Überleben“ seit jeher nur die eine Seite der Evolution ist. Die andere ist Vermehrung, erfolgreiche Fortpflanzung. Ein Mensch mag besondere Fähigkeiten besitzen, intelligent, charismatisch, athletisch oder erstaunlich gesund und langlebig sein. Wenn er keine Kinder hat, war er, zumindest evolutionär gesehen, eher eine Sackgasse. Was natürlich kein Werturteil ist. Dennoch: „Fruchtbarkeit ist die treibende Kraft hinter der Evolution moderner Bevölkerungen“, schreibt Stephen Stearns von der Universität Yale im Fachblatt „PNAS“.

Stearns und seine Kollegen haben untersucht, wie sich in der Kleinstadt Framingham an der amerikanischen Ostküste bestimmte medizinisch bedeutsame Eigenschaften in der weiblichen Bevölkerung seit 1948 verändert haben und brachten dies in Verbindung mit der natürlichen Auslese als Triebfeder der Evolution. Grundlage war die Framingham-Herz-Studie, eine umfassende Untersuchung der Risikofaktoren für Herzleiden und Gefäßverkalkung.

Es stellte sich heraus, dass die Nachfahrinnen der ersten Framingham-Generation etwas kleiner und stämmiger waren, als wenn die natürliche evolutionäre Auslese nicht gewirkt hätte. Außerdem hatten die Frauen niedrigere Cholesterin- und Blutdruckwerte. Dank der Evolution waren sie zudem früher und länger fruchtbar.

Die Veränderungen zwischen den Generationen waren zwar erwartungsgemäß gering, aber die Wissenschaftler sehen in ihnen dennoch die Zeichen eines allmählichen evolutionären Wandels. Natürlich sollte man aus einer einzigen Untersuchung keine allzu weitreichenden Schlüsse ziehen. Trotzdem ist es beruhigend, dass die Forscher keine Anhaltspunkte für die oft befürchtete schleichende Zurückentwicklung des modernen Menschen beobachten konnten. Als echtes Naturprodukt „evolviert“ Homo sapiens weiter, in einem im Vergleich zu anderen Lebewesen eher durchschnittlichem, ja betulichem Tempo. Wenn das kein Fortschritt ist.

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