Dr. WEWETZER : Vorsorge, Nutzen, Risiko

Hartmut Wewetzer

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Dr. Hartmut Wewetzer
Dr. Hartmut WewetzerFoto: Tsp

Das kleine Wörtchen Risiko hat es in sich. Dieser Tage ist es wieder einmal in aller Munde, buchstäblich. Dioxin im Essen lässt bei vielen Menschen Sorgenfalten auf der Stirn entstehen, obwohl die Gefahr durch den jetzigen Skandal ganz sicher größer erscheint, als sie wirklich ist. Schließlich geht es nur um winzige Mengen des Umweltgifts, die für die Gesamtbelastung praktisch keine Rolle spielen. Aber das R-Wort schlägt Alarm. „Achtung, Risiko!“ Egal, ob dieses groß oder klein ist.

Auch ich habe am letzten Sonntag über ein Risiko berichtet, allerdings über ein höchst reales – Darmkrebs. Und befürwortet, dass Menschen ab 55 darüber informiert werden sollten, dass sie Anspruch auf Krebsvorsorge mit der Darmspiegelung haben. Vorausgesetzt, sie würden nicht nur über den Nutzen, sondern auch über die Risiken der Darmspiegelung aufgeklärt. Viele Leser haben sich gefragt, welche Gefahren es bei der Darmspiegelung nun eigentlich gibt, und wie groß sie sind. Die Antwort, gewissermaßen das Kleingedruckte der Krebsvorsorge, will ich nicht schuldig bleiben!

Die Darmspiegelung mit einem dünnen, biegsamen Rohr ist nicht angenehm und kann Beschwerden verursachen. Ernsthafte Probleme, die auftreten können, sind Verletzungen oder gar Perforationen der Darmwand mit dem Instrument. Bei einer Analyse von 245 000 ambulanten Darmspiegelungen in Bayern stellte sich heraus, dass der Darm insgesamt 69-mal perforiert worden war. 50-mal mussten die Patienten daraufhin operiert werden, drei starben wegen Komplikationen an Herz und Lungen. Drei von 245 000, das entspricht etwa 0,001 Prozent.

Wie ist dieses Risiko einzuschätzen? Nach Ansicht von Wissenschaftlern des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg ist es vertretbar. Die Häufigkeit schwerwiegender Komplikationen bei der Darmkrebs-Vorsorge dürfte „sehr deutlich unter den erwarteten Häufigkeiten“ verhüteter Krebserkrankungen und damit verbundener Todesfälle liegen, urteilten diese im „Deutschen Ärzteblatt“. Allerdings ist auch klar, dass es ein Nullrisiko bei der Vorsorge nicht gibt. Doch zur Teilnahme gezwungen wird schließlich niemand. Hauptsache, man weiß, welches Risiko man eingeht – auch, indem man das Angebot der Vorsorge nicht wahrnimmt.

Zeit, den Nutzen zu erwähnen. „Mit der Darmspiegelung, der Koloskopie, kann man sein Darmkrebsrisiko um 60 bis 90 Prozent senken“, sagt Michael Hoffmeister vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Der breite Schwankungsbereich rührt von vielen unterschiedlichen Studien her. Sie sind in der Summe sehr aussagekräftig, auch wenn es bislang keine große Langzeituntersuchung gibt, in der geprüft wurde, ob Menschen durch die Vorsorge länger leben. Eine solche Studie braucht viel Zeit. Aber die meisten Experten sind sich schon jetzt einig, dass man durch die Vorsorge die Gefahr von Darmkrebs massiv verringere, sagt Hoffmeister. Gut, dass wir zumindest den wirklichen Risiken hier und da trotzen können.

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