Dr. WEWETZER : Was schwerer wiegt

Fettleibigkeit wird Volkskrankheit – das ist das alarmierend klingende Ergebnis einer Studie, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Donnerstag in Paris vorgelegt hat.

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Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Fettleibigkeit wird Volkskrankheit – das ist das alarmierend klingende Ergebnis einer Studie, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Donnerstag in Paris vorgelegt hat. Die OECD ist eine Art Denkfabrik der Industrienationen und den meisten durch die Pisa-Bildungsstudie bekannt. Illustriert wird die Untersuchung auf der Webseite der OECD mit einer Grafik, die nicht etwa den Prozentsatz der Fettleibigen, sondern den der Übergewichtigen in den großen Industrienationen zeigt. Das sieht natürlich dramatisch aus – in Deutschland sind danach 60 Prozent der Männer und 45 Prozent der Frauen übergewichtig, in den USA gar 72 (Männer) und 64 Prozent (Frauen). Versinkt das Abendland im Körperfett seiner dekadenten Bewohner?

Die Wirklichkeit ist nicht ganz so düster und nicht so schwarz-weiß wie von der OECD dargestellt. Ermittelt werden Normal- und Übergewicht mit dem Körpermasse-Index BMI (Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat). Bei einem BMI von 25 beginnt Übergewicht, bei einem BMI von 30 die Fettleibigkeit. Übergewicht an sich muss aber noch kein Problem sein. Denn zum einen gibt es Menschen, die von ihrer Anlage her schwerer als andere gebaut sind, etwa athletischer und muskulöser. Entscheidend ist vielmehr die Fettverteilung. Riskant ist vor allem ein runder Bauch, denn er spricht für viel „inneres Bauchfett“. Das wiederum erhöht die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ein erhöhtes Risiko besteht bei Frauen ab 80 Zentimeter Bauchumfang, bei Männern sind es 94 Zentimeter. Bei 88 Zentimetern Taille (Frau) und 102 Zentimeter (Mann) wird’s brenzlig. Diese Zusammenhänge sind eigentlich lange bekannt.

Außerdem ist es ganz natürlich, dass man mit den Jahren mehr Gewicht auf die Waage bringt. Manche Gewichtstabellen berücksichtigen das und setzen die Grenze zum Übergewicht je nach Alter höher an. Leichtes Übergewicht im Alter kann sogar gesund sein, wie unter anderem eine australische Studie im Januar 2010 ergab. Danach leben Menschen jenseits der 70 mit leichtem Übergewicht länger als Normalgewichtige. Und schon 2009 kam eine umfassende Analyse aller vorliegenden Untersuchungen durch die Hamburger Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser zu dem Schluss, dass die Sterblichkeit von übergewichtigen Erwachsenen (BMI von 25 bis 29,9) nicht höher ist als die von Normalgewichtigen (BMI von 18,5 bis 24,9).

Fettleibigkeit ist dagegen ein erhebliches Gesundheitsrisiko, da ist der OECD völlig recht zu geben. In Deutschland ist etwa jeder Fünfte eindeutig zu schwer, hat also einen BMI von 30 oder darüber. Trotzdem fragt man sich, warum die Organisation das ganze Problem so undifferenziert dargestellt hat. Die OECD fordert nun Regierung und Wirtschaft zu einer „gemeinsamen Strategie“ auf, mit der die Fettleibigkeit „erfolgreich bekämpft“ werden kann. Hoffentlich kommen bei diesem Krieg gegen die Fettsucht die Dicken nicht unter die Räder.

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