Dr. WEWETZER : Wer rastet, rostet nicht

Unser Gesundheitsexperte Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Langschläfer verkalken seltener

Wenn Sie morgens das Gefühl haben, Sie könnten noch ein Stündchen Schlaf gebrauchen: geben Sie ihm nach. Natürlich nur, wenn die Umstände es erlauben. Eine neue Studie aus den USA deutet nämlich darauf hin, dass Menschen, die länger schlafen, eher vor Herzattacken geschützt sind.

Rund 500 Männer und Frauen im Alter zwischen 35 und 47 nahmen an der Untersuchung teil. Sie gaben an, wie viel sie schliefen, zudem ermittelte ein nächtlicher „Bewegungsmelder“ um ihr Handgelenk die ungefähre Schlafdauer. Keiner der Teilnehmer hatte zu Beginn der Studie Kalk in den Herzkranzgefäßen, wie eine Computertomographie ergab.

Die Herzkranzgefäße versorgen den Herzmuskel mit Blut, ihre Verkalkung ebnet dem Herzinfarkt den Weg. Typische Risikofaktoren sind Rauchen, hoher Blutdruck, erhöhtes Cholesterin, Diabetes, Fettsucht, höheres Alter und männliches Geschlecht.

Nach fünf Jahren zogen die Forscher Bilanz. Bei jedem achten Teilnehmer fanden sich nun Hinweise auf Gefäßkalk im Herzen. Je weniger die Versuchspersonen schliefen, umso größer war das Risiko. Von den Teilnehmern, die weniger als fünf Stunden pro Nacht schliefen, war bereits jeder vierte „verkalkt“. Wer dagegen sieben Stunden oder mehr schlummerte, war nur zu sechs Prozent betroffen. Eine Stunde zusätzlicher Schlaf verringerte die Verkalkungsgefahr um ein Drittel, rechneten die Forscher aus. Das entspricht der Senkung des oberen (systolischen) Blutdruck Messwertes um stattliche 17 Punkte.

Stellt sich die Frage: wie kommt’s? Eigentlich sollte man denken, dass Langschläfer schneller verkalken als Wenigschläfer. Getreu dem Motto: wer rastet, der rostet. Eine mögliche Ursache für das Ergebnis der Studie könnte sein, dass Menschen, die weniger schlafen, mehr Stress haben und vielleicht deshalb ihr Herz gefährden. Dann wäre zu wenig Schlaf nur die Folge von etwas anderem. Genauso wie der Gefäßkalk. Es würde also wenig bringen, länger zu schlafen, solange der Stress, die wahre Ursache, weiterbesteht.

Es könnte aber auch sein, dass Schlafmangel das Stresshormon Kortisol im Blut erhöht und auf diese Weise die Gefahr für das Herz erhöht. Andersherum ist es denkbar, dass der im Schlaf niedrigere Blutdruck sich günstig auswirkt. Je mehr Schlaf, umso größer dieser Nutzen.

Schlafmediziner neigen dazu, so ziemlich alle Übel dieser Welt auf Schlafstörungen zurückzuführen. Umso löblicher, dass sie sich in diesem Fall in Zurückhaltung üben: „Man sollte hervorheben, dass dies der erste Bericht ist und dass er noch keinen ursächlichen Zusammenhang beweist“, sagt Diane Lauderdale von der Universität von Chicago, Leiterin der Studie. „Solange wir noch nicht den genauen Mechanismus kennen, ist es zu früh, Empfehlungen auszusprechen.“

Sorgen Sie sich also nicht um Ihr Herz, wenn Sie einmal schlecht schlafen. Nur auf Dauer ist Schlafmangel ein Problem. Auf der anderen Seite haben nun alle, die verschlafen, eine hervorragende Ausrede: Sie haben etwas für ihr Herz getan.

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