DRAMA „12 Years a Slave“ : Fegefeuer der Grausamkeiten

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Foto: Tobis
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Das Erwachen ist ein Schock. Am Vorabend hat Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor, links), ein gut situierter Violinist und Familienvater aus New York, noch den Vertragsabschluss über eine Konzertreihe in Washington gefeiert, nun findet er sich in einem finsteren Verlies in Ketten gelegt wieder. Was er bis zur Misshandlung durch seinen Kerkermeister für ein Missverständnis hält, hat in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts offenbar Methode: Skrupellose Menschenhändler entführen farbige Bürger der Nordstaaten, um sie als Sklaven an Plantagenbesitzer aus dem Süden zu verkaufen.

Für Northup beginnt ein schier endloser Leidensweg: entrechtet, geprügelt, gedemütigt und selbst seines Namens beraubt, muss er schwerste körperliche Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen verrichten und sieht sich der Willkür seiner Besitzer ausgesetzt. Bei denen ist stets ein Abstieg in noch schlimmere Höllenkreise möglich. Nachdem er auf der Farm des mitfühlenden William Ford (Benedict Cumberbatch) in Ungnade gefallen ist, wird er an den gefürchteten „nigger breaker“ Edwin Epps (dämonisch: Michael Fassbender, rechts) verkauft.

Auf der Baumwollplantage des sadistischen Menschenschinders und religiösen Fanatikers erlebt er mit noch hoffnungsloseren, weil bereits in die Sklaverei hineingeborenen Leidensgenossen ein jahrelanges Martyrium, bis er endlich über einen Mittelsmann (Brad Pitt) Kontakt zu seiner Familie aufnehmen kann und freigekauft wird.

Basierend auf den 1853 erschienenen Memoiren des realen Solomon Northup erzählt der britische Regisseur Steve McQueen mit schonungsloser Detailliertheit von einem der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte. Dem Zuschauer wird dabei nichts erspart: minutenlange Auspeitschungen, der Todeskampf eines Gelynchten, sexuelle Übergriffe – für das so alltägliche wie unfassbare Leiden der Sklaven findet McQueen Bilder, die man nicht vergisst. Umso mehr, als die von Kameramann Sean Bobbitt eingefangene landschaftliche Schönheit der Südstaaten dazu einen zynischen Kontrast bildet. Manchmal wirkt McQueens Film zu didaktisch, zu sehr um Empathie für das Einzelschicksal heischend, was zulasten der narrativen Stringenz geht. Doch der Wirkung seines gewaltigen, von einem tollen Ensemble mit zwei herausragenden Hauptdarstellern getragenen Dramas kann man sich schwer entziehen. Erschütternd. Jörg Wunder

USA 2013, 135 Min., R: Steve McQueen, D: Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Benedict Cumberbatch, Brad Pitt, Paul Dano, Paul Giamatti

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