DRAMA„Ein Sommer in New York – The Visitor“ : Das Apartment

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Foto: Pandastorm Pictures

Seit über zwanzig Jahren unterrichtet Walter Vale denselben Kurs an einem College in Connecticut. Hinter einem vermeintlichen Buchprojekt tarnt der verwitwete Wirtschaftswissenschaftler schon seit vielen Trimestern seine akademische Untätigkeit. Dann wird er zu einer Konferenz nach New York geschickt und muss feststellen, dass seine dortige Zweitwohnung inzwischen von Fremden bewohnt wird. Ein zwielichtiger Makler hatte dem Syrer Tarek und dessen senegalesische Freundin Zainab die lange leer stehenden Räumlichkeiten vermietet.

Walter erklärt sich bereit, die beiden illegalen Emigranten in dem Apartment wohnen zu lassen, bis sie eine neue Bleibe haben. Und so findet sich der wortkarge Witwer plötzlich in einer Wohngemeinschaft wieder. Tarek trommelt auf seiner Djembé, und die Musik wird zur Verbindung zwischen dem offenherzigen Untermieter und dem zugeknöpften Gastgeber – bis Tarek festgenommen wird und in Abschiebehaft landet.

Weder Tareks Freundin noch die aus Michigan heranreisende Mutter können ihn im Gefängnis besuchen, da sie selbst die Abschiebung fürchten müssen. So bleibt Walter der einziger Kontakt zur Außenwelt. Ein Anwalt wird beauftragt, aber die Deportationspraxis ist seit 9/11 rigide. Tareks Mutter bezieht in Walters Wohnung Quartier und in der gemeinsamen Sorge um ihren Sohn entwickelt sich zwischen den beiden eine verhaltene Liebesgeschichte.

Es ist die langsame Rückkehr in die Wirklichkeit und die Wiederentdeckung der eigenen Humanität, von der McCarthy in „Ein Sommer in New York“ erzählt. Sicherlich ist die Entwicklungslinie der verschlossenen Hauptfigur überschaubar. Aber die Qualität von McCarthys Eigenbrötler-Porträt liegt gerade in der Schlichtheit der Erzählung, die ihm eine kompromisslose Konzentration auf seinen Protagonisten ermöglicht. Wie Jenkins den langsamen Auftauprozess mit kleinsten Gesten, Blicken und Kopfdrehungen im besten Sinne des Wortes verkörpert – das ist einfach brillant. McCarthy blickt vollkommen unsentimental auf die Entwicklung seiner Figur und spiegelt den Prozess von Walters psychischer Selbstbefreiung mit Tareks physischer Inhaftierung. Diesen Spagat hält der Film aus, weil er, anstatt rührselige Solidaritätsadressen zu verfassen, seine Figuren mit zärtlicher Aufmerksamkeit behandelt. Berührend. Martin Schwickert

„Ein Sommer in New York“, USA 2007, 108 Min., R: Tom McCarthy, D: Richard Jenkins, Haaz Sleiman, Danai Gurira, Hiam Abbass

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