DRAMA„Jerichow“ : Eine Insel in der Fremde

Kerstin Decker

Christian Petzolds Thema sind die Abgründe des Alltäglichen, seine doppelten Böden. Vielleicht ist er der deutsche Regisseur des Unheimlichen. Das hat manchmal die Spannung eines Thrillers und liegt dem Genre und seinen Ausrechenbarkeiten doch denkbar fern.

In seinem letzten Film „Yella“ ließ er eine Tote träumen, und wir erkannten erst im letzten Augenblick, dass es ein Traum war und wer ihn geträumt hatte. Bei den Dreharbeiten zu „Yella“ fand Petzold auch die Grundszenerie des Nachfolgers „Jerichow“. Eine Prignitzer Zeitung berichtete damals von der Verhaftung eines Vietnamesen. Er hatte den Kofferraum voller Münzgeld, das fand man verdächtig. Menschen mit Geld kommen in der Prignitz nicht eben oft vor, und dann noch ein Ausländer! Es stellte sich heraus, dass dem Mann 45 Imbissbuden in der Umgebung gehörten. Er hatte sich ein Haus im Wald gekauft, abseits der sonstigen Prignitzer. Der Fremde ein Stück Heimat abzutrotzen, zu „verinseln“ gleichsam – Petzold fand das faszinierend.

Im Film ist der Besitzer von 45 Imbissbuden und Waldbewohner der Deutschtürke Ali. Besonders Hilmi Sözer als Ali macht „Jerichow“ groß, weil er jedes Klischee durchkreuzt, das wir von einem wie ihm haben könnten. Nicht weil er das Gegenteil davon ist, sondern weil er das Klischee und sein Gegenteil zugleich ist: Macho und Nichtmacho, laut und leise, arrogant und demütig – menschlich eben.

Ali hat eine schöne blonde Frau (Nina Hoss, Foto) und einen neuen Fahrer (Benno Fürmann). Laura und Thomas verstehen sich vom ersten Augenblick an besser, als Ali lieb sein kann. Ihre Körper verstehen sich, und es eint sie zudem das Gefühl der demütigenden Abhängigkeit von einem Dönermann. Ali und Laura – das ist die falsche Insel. Laura und Thomas – das wäre die richtige. Wie aber bildet man neue Inseln, und um welchen Preis?

Die Stärke von „Jerichow“ ist nicht zuletzt die Stärke, die er Ali zugesteht, fast möchte man sagen: eine Reife, die seine Überwinder beschämen muss. Petzold zahlt dafür den Preis eines leichten Glaubwürdigkeitsproblems in der entscheidenden Szene. Aber was hätte man für den folgenden übergroßen, bösen, grandiosen Schluss, diesem irren Schnittpunkt von absolutem Zufall und absoluter Zwangsläufigkeit nicht in Kauf genommen? Stark. Kerstin Decker

„Jerichow“, D 2008, 93 Min., R: Christian Petzold, D: Nina Hoss, Benno Fürmann, Hilmi Sözer

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