DRAMA„Mr. Nobody“ : Wer war Nemo?

Karl Hafner

Im Jahr 2092 stirbt der letzte sterbliche Mensch. Die Wissenschaft hat gesiegt über die Prinzipien des Lebens. Menschliche Zellen können sich unendlich regenerieren, die Menschen leben ewig. Der 117-jährige Nemo Nobody ist auf seinem Sterbebett ein Kuriosum, ein Medienereignis, das die Bevölkerung belustigt und verwundert zur Kenntnis nimmt.

So einen wie Nemo, den Helden aus „Mr. Nobody“ des Belgiers Jaco Van Dormael, wird es nie mehr geben. Dabei war er aus unserer Sicht Durchschnitt. Er war wie wir, ein Jedermann, der gelebt, geliebt und Entscheidungen zu treffen hatte wie jedermann. In der Rahmenhandlung erzählt Nemo Nobody einem jungen Reporter davon, wie es damals war – und wie es sein hätte können – in seiner Kindheit, als die Eltern noch bestimmten, in seiner Jugend mit den ersten Liebschaften, im Alter von Mitte 30, als sich der Lebensverlauf endgültig zu manifestieren scheint. Nobody stellt sich auf seinem Sterbebett die Frage: Habe ich den richtigen Weg eingeschlagen, wohlwissend, dass es diesen gar nicht geben kann. Im Alter von 9 Jahren haben sich seine Eltern getrennt. Er musste sich entscheiden: Bleibe ich bei meinem Vater oder gehe ich mit mit meiner Mutter? Was passiert im Leben aufgrund dieser Entscheidung, die doch viel zu groß ist für einen kleinen Jungen?

Drei Frauen spielten in Nemos Leben eine Rolle. Dreimal geht es um romantische Liebe, um Erfüllungen und Enttäuschungen. Welche Frauen hätte er wie und wann kennengelernt? Welches richtige oder falsche Wort hätte wohin geführt. Van Dormael spielt die verschiedenen Entwürfe durch mit allen Möglichkeiten, Chancen und Zufällen. In Vor- und Rückblenden, bildgewaltigen Traumsequenzen, aufwändig inszenierten Phantastereien, die mal an das Genrekino erinnern, mal an surreale Gemälde. Nebenbei geht es um behavioristische Theorien, um fernöstliche Philosophie, um Chaos, Ordnung und Entropie – ach, irgendwie um Alles.

Manchmal ist das fragwürdig und kitschig, manchmal auch geschwätzig, meist melancholisch und zutiefst berührend. Und immer wieder wundert man sich, dass es den Film nicht aus der Kurve trägt vor lauter Ambition und intellektueller Spielerei. Der für europäische Verhältnisse extrem teure Film ist nicht weniger als der irrsinnige Versuch, die Komplexität unseres Lebens abzubilden – und dabei auch noch gut zu unterhalten. Beeindruckend.Karl Hafner

CDN/B/F/D 2009, 139 Min., R.: Jaco Van Dormael, D.: Jared Leto, Diane Kruger, Sarah Polley

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