DRAMA„Sin Nombre“ : Alles für die Gang

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Foto: Prokino
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13 Sekunden lang sich am Boden von den Kumpels treten lassen, bis man Blut kotzt: Für Neulinge ist das die erste Bewährungsprobe in der Mara Salvatrucha genannten Mafia, deren brutale Gesetzeswelt in Mittelamerika immer mehr im Vormarsch ist. Wer aber wirklich dazugehören will, muss seinen ersten Mord begehen – und sei es an einem im Käfig gehaltenen, um sein Leben bettelnden Gefangenen, dessen Fleisch man nachher an die Hunde verfüttert. Der Kalifornier Cary Fukunaga inszeniert in seinem Spielfilmdebüt „Sin Nombre“ alle diese Riten mit nahezu dokumentarischer Aufmerksamkeit: ohne Pathos, aber auch ohne Ekel. Ekeln darf der Zuschauer sich dann schon selber.

Was das brutale Geschehen für den Zuschauer denn doch erträglich macht? Die Hoffnung, die sich aus dem Zusammentreffen des 18-jährigen Casper (Edgar Flores) mit der hübschen Sayra (Paulina Gaitan) ergibt. Eine Liebesgeschichte ist das nicht, allenfalls der schüchterne Ansatz hierfür – in einem Geschehen, das bald in die Gleise eines Rail-Movies einruckelt. Casper wie Sayra sind auf der Flucht: Casper hat den Bandenführer Lil’ Mago getötet – und muss nun die Rache der Mara fürchten. Sayra will raus aus den honduranischen Slums und über Mexiko illegal in die USA, wo ein Teil ihrer Familie wohnt.

Zumindest auf den Dächern der Güterzüge darf die Hoffnung wohl grenzenlos sein: Gerade so hätte der Regisseur seinen Stoff anlegen können, als hollywoodeske Flüchtlingsromanze zweier verlorener Kinder. Dem aber – und das macht den Film nicht nur thematisch kraftvoll, sondern kompositorisch wagemutig – steht der illusionslose Blick der Figuren auf sich selbst entgegen. Casper hält sich angesichts der Übermacht der überall operierenden Mafia bereits für tot. Und was für ein Leben erwartet Sayra in den USA, wenn sie es wider Erwarten durch den Grenzfluss schaffen sollte?

„Sin Nombre“ erzählt von der Killerwelt einer Mafia, deren Brutalität sich nie von irgendeiner Polizei herausgefordert sieht. Und ist darüber hinaus als schreiende Anklage zu verstehen. Überall in den Ländern der Dritten Welt ist die Hälfte der Bevölkerung unter 20 und lebt oft ohne Aussicht auf Ausbildung und Arbeit in Slums. Die schwarze Moral des Films: Wer dort überleben will, muss den Schutz einer Gang, einer Mafia suchen, sich ihren Regeln unterwerfen und früher oder später zum Mörder werden. Eindrucksvoll. Jan Schulz-Ojala

„Sin Nombre“, Mexiko/USA 2009, 95 Min., R: Cary Fukunaga, D: Edgar Flores, Paulina Gaitan

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