DRAMA„The Tree of Life“ : Bis ans Ende aller Tage

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Foto: Concorde
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Gewöhnlich gilt Terrence Malick, der Mitbegründer des neueren amerikanischen Kinos, als verschollen, aber alle Jubeljahre taucht er auf und hat einen neuen Film am Start. Der vorletzte hieß 1999 „The Thin Red Line“ und handelte von der Zeit, als Amerikaner und Japaner noch Feinde waren und ein paar paradiesische Pazifikinseln in ein großes Schlachtfeld verwandelten.

Das Gegenteil eines Schlachtfeldes, diesem Sieg des Todes in der Horizontalen, ist der Lebensbaum. Den hat er nun verfilmt und mit ihm die „Goldene Palme“ in Cannes gewonnen. Der Lebensbaum reicht urtief in die Vergangenheit und weit in die Zukunft, bis ans Ende aller Tage. Aber wie verfilmt man den? Sagen wir es so: Malick hat als junger Mann mal Heideggers Abhandlung über den „Satz vom Grund“ ins Englische übertragen. Schon das war Bilderarbeit. Mit „The Tree of Life“ aber hat er ihn in die Weltsprache des Kinos übersetzt.

Es ist eine große Meditation über den Anfang und das Ende aller Dinge geworden, und da Regisseure und Philosophen gemeinhin sehr unbescheidene Menschen sind, hat Malick sich gefragt: Wenn es schon um alles geht, muss da meine eigene Lebensgeschichte nicht die Hauptrolle spielen? Also eine Sechziger-Jahre-Kindheit im mittleren Westen der USA: Mutter, Vater und drei Kinder, eines davon ist Jack, das Alter Ego des Regisseurs.

„The Tree of Life“ ist selbstredend eine Zumutung, aber welches wirklich große Werk wäre das nicht? Faszinierend, wie sich der Film immer wieder weitet und zusammenzieht, und jedes Mal, wenn man denkt: Jetzt stürzt er ab, findet er einen so traumsicheren Übergang, etwa von den Sauriern in einen texanischen Kindheitsgarten, vom Krater des Ätna in die Küche der Mutter. Und da die protestantischen Sekten, diese verhärteten Splitter des Christentums letztlich den Geist Amerikas sowie den von Jacks Vater geschaffen haben, kommt er auch hier vor. Und weitet sich scheinbar zum Deutungsrahmen. Manch einer mag sich religiös bedrängt vorkommen, aber dieser Baum wächst auch ohne Gott.

Jedem, der denkt „Gnade ist Humbug“, verwehrt Malick diesen Gedanken nicht, führt uns jedoch bezwingend vor Augen, dass mehr noch als die Gnade wir selber Humbug sind – aufs Ganze gesehen. Ja, er zeigt uns, wie man diese Einsicht überleben kann, sogar einverstanden sein kann mit ihr. Eine großartige Zumutung.Kerstin Decker

USA 2010, 138 Min., R: Terrence Malick,

D: Brad Pitt, Jessica Chastain, Sean Penn

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