DRAMA„Two Lovers“ : Hochhaus der Sehnsüchte

von
322358_0_5bc641dc.jpg
Foto: Magnolia Pictures

Regisseur James Gray passt in keine Schublade. Seine Filme sind weder teuer noch billig, weder Mainstream noch Independent. Er arbeitet mit renommierten Schauspielern, nicht mit Megastars. Auch genremäßig lässt er sich schwer einordnen. Eine gemeinsame Konstante seiner Filme „Little Odessa“, „The Yards“ und „Helden der Nacht“ ist das Milieu russisch-jüdischer Einwanderer in New York. Die Protagonisten sind zur Hälfte Polizisten und Gangster. Aber er inszeniert keine Polizei- oder Gangsterfilme, sondern stille Familiendramen. Mit anderen Worten: James Gray ist der Albtraum jedes PR-Experten. Er will sich nicht verkaufen und ist mit seiner Außenseiterstellung zufrieden.

Die Schauspieler lieben ihn, weil sie in seinen Filmen ganz normal sein dürfen. Dabei sind die Hauptfiguren von „Two Lovers“ auf den ersten Blick schwer gestört: Leonard (Joaquin Phoenix, Foto, rechts) unternimmt gleich am Anfang einen Selbstmordversuch, der nicht sein erster ist. Und Nachbarin Michelle (Gwyneth Paltrow, Mitte), nach außen die unerreichbare Traumfrau, erweist sich als unsichere, ehemals drogensüchtige Nebenfrau eines verheirateten Mannes. Doch bei diesen verlorenen Seelen betont Gray das Normale. Und konzentriert sich auf die Milieu- und Charakterstudie. Das Milieu ist ein Hochhaus, in dem Leonard mit seinen Eltern lebt. Die Wohnung wirkt muffig, an der Wand hängen vergilbte Fotos der Vorfahren. Die Einrichtung scheint auch noch von den Vorfahren zu stammen.

Erst durch Michelle kommt Leonard aus seinem Milieu, besucht mit ihr todschicke Diskotheken und Restaurants. Eigenartigerweise erlaubt sich Gray zwei Hitchcock-Zitate. Wenn Leonard und Michelle sich auf dem Dach ihres Hochhauses treffen, um ungestört zu sein, erinnern die Einstellungen an „Vertigo“. Das ergibt dramaturgisch keinen Sinn, da niemand springen oder den anderen hinunterstoßen will, aber es ist befreiend in diesem klaustrophobischen Film. Angemessener sind die „Fenster zum Hof“-Zitate. Nicht nur Leonard, auch die in ihn verliebte Sandra (Vinessa Shaw) kann in Michelles Zimmer blicken – ohne allzu viel zu erkennen. Gray erzeugt hier suggestive Wirkungen, die erotischer sind als der übliche platte Fenster-Voyeurismus. Ein schöner kleiner Film ist das, in dem Gwyneth Paltrow beweist, wie gut sie sein kann, wenn sie nicht den großen Star markieren muss. Leise und anrührend. Frank Noack

„Two Lovers“, USA 2009, 110 Min., R: James Gray, D: Joaquin Phoenix, Gwyneth Paltrow,

Vinessa Shaw, Isabella Rossellini

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben