DRAMA„Zeiten des Aufruhrs“ : Der Untergang eines Traumes

Nadine Lange

Etwas Besonderes sein. Silbern schillern inmitten einer blassen Umgebung – so hatten sich die Wheelers immer gesehen. Und tatsächlich umgibt das junge Paar so etwas wie Glamour, als es in eine Vorstadtsiedlung von New York zieht. Doch bald kriecht das Grau durch die Ritzen ihres wunderschönen Hauses in der Revolutionary Road . Sie bekommen zwei Kinder und pressen sich in die strengen Rollenvorgaben der fünfziger Jahre. Frank, der einmal mit leuchtenden Augen davon gesprochen hatte, „das Leben wirklich spüren“ zu wollen, fügt sich nun nahtlos in die Masse der Hut und Anzug tragenden Büromenschen. Seine Frau April, die einmal Schauspielerin werden wollte, steckt fest im Hausfrau- und Mutterprogramm. Beide leiden unter diesem Leben, aus dem sich plötzlich eine Fluchtperspektive auftut, als sie beschließen, nach Paris auszuwandern. Ein Hoffnungsfunken, der allerdings bald wieder erlischt.

„Zeiten des Aufruhrs“ beruht auf dem 1961 veröffentlichten Roman „Revolutionary Road“ von Richard Yates, der sich in Frank Wheeler auch ein Stück weit selbst porträtiert hat. Insbesondere unter Autoren galt sein Debüt als Kultbuch, es wurde sogar mit Fitzgeralds „Great Gatsby“ verglichen. Nachdem einige Verfilmungsversuche gescheitert waren, wagte sich nun – 16 Jahre nach Yates Tod – mit Sam Mendes („American Beauty“) ein Experte in Sachen US-Mittelstandstristesse an den Stoff. Er löst die schwierige Aufgabe ziemlich geschickt, wobei der ungeheure Nuancenreichtum der Vorlage sich naturgemäß nicht vollständig in das andere Medium übertragen lässt. Doch einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Buch hat der Film: Kate Winslet. Ihre Verkörperung der April ist schlicht atemberaubend. Und Leonardo DiCaprio, der erstmals seit „Titanic“ (1997) wieder mit Winslet auf der Leinwand zu sehen ist, schlägt sich wacker neben ihr. Besonders in den Streitszenen entfachen die beiden eine geradezu nervenzerfetzende Intensität.

Je weiter sich April von Frank entfernt, desto mehr wird „Zeiten des Aufruhrs“ zum Porträt einer Frau, die schmerzvoll erfährt, wie gering ihr Spielraum in einer Männergesellschaft ist. Sobald sie sich nicht mehr einfügt, fällt immer häufiger das Wort „krank“. Mendes verschiebt anders als Yates den Fokus in der zweiten Hälfte auf April und gibt der Geschichte damit nochmal einen anderen Drall. So flackert hier mitunter sogar die Erinnerung an die großen, leidenden Frauenfiguren des Douglas Sirk auf. Bewegende Romanverfilmung. Nadine Lange

„Zeiten des Aufruhrs“, USA 2008, 119 Min.,

R: Sam Mendes, D: Kate Winslet, Leonardo DiCaprio, Kathy Bates, Michael Shannon

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar