Zeitung Heute : Drang nach draußen

THOMAS DE PADOVA

Die Entdeckungsflüge im All konnte der Mensch, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur von der Erde aus verfolgen.Die Satelliten wurden fast immer ohne Besatzung auf Reisen geschickt.Die Zeit der Weltraumhelden scheint vorbei, der Altersflug eines John Glenn daran wenig zu ändern.Statt dessen funken heute mit Elektronik vollgestopfte Leichtbaukästen faszinierende Bilder zur Erde, wenn sie - wie "Pathfinder" - über den Marsboden krabbeln oder - wie "Giotto" - ganz dicht am Halleyschen Kometen vorbeifliegen.

So weit ins All hinaus wird der Mensch so schnell nicht kommen.Zwar scheint er die Zweiteilung zwischen Himmel und Erde bereits mit der Luftfahrt aufgehoben zu haben.Doch wenn er den Globus ganz und dauerhaft verlassen will, muß er einen hohen Preis dafür zahlen: Der Transport einer Crew in den Weltraum verschlingt enorme Energiemengen.An jedem Tag im All müssen die Astronauten auf Laufbändern gegen die Rückbildung ihrer Muskeln anstrampeln.Die aseptischen High-Tech-Stationen entfremden sie ihrer irdischen Behausung völlig.Kurz gesagt: Der Mensch kann zwar von Forschungs- oder Kommunikationssatelliten profitieren.Aber im All ist er der Maschine unterlegen.

Trotzdem baut die Staatengemeinschaft in den kommenden Jahren einen Außenposten im All auf, auf dem einmal sechs Astronauten leben sollen.16 Nationen sind daran beteiligt.Der erste Baustein soll am heutigen Freitag mit einer russischen Rakete ins All gebracht werden, Bau und Betrieb der "Internationalen Raumstation" werden zwischen 100 und 200 Milliarden Mark kosten.Deutschland steuert dazu zunächst 2,5 Milliarden bis zum Jahr 2004 bei."Warum?", fragt der Steuerzahler.

In der Tat haben Astronauten im All bislang wenig Greifbares geleistet.Sie haben gezeigt, daß sie auf einer kleinen Insel inmitten einer lebensfeindlichen Umgebung mehr oder weniger lang ausharren können.Sie sind in der Lage, ihre Körperfunktionen zu kontrollieren und ihre Notdurft zu verrichten.Hier ein Knopfdruck, da ein Funkspruch.Unter Umständen kann schon mal ein Gerät aufgebaut oder repariert werden.

Auf einer Plattform aber, die hierzulande als einzigartige Forschungsstation vermarktet wird, ist der Mensch nicht nur überflüssig.Wenn es wirklich darum ginge, wissenschaftlich relevante Ergebnisse zu erzielen, die über das Studium menschlichen Überlebens im All hinausgehen, müßte man wohl eher zu dem Schluß kommen: Der Mensch stört.

Die Erd- oder Sonnenbeobachtung oder die exakte Zeitmessung im All lassen sich mit kleinen, für die jeweilige Aufgabe spezialisierten Satelliten besser betreiben als mit einer schwerfälligen, multifunktionalen Plattform, auf der sechs Leute herumhüpfen, und die ihre Solarflügel ständig zur Sonne hin ausrichten muß.Die Forschung ist hier wie so oft nur die späte Rechtfertigung für ein Unternehmen, das noch unter Ronald Reagan auf keinerlei wissenschaftlichen, sondern militärischen Ambitionen und dem schwärmerischen Entzücken am "Drang nach draußen" beruhte.

Nach 1989 ist daraus ein globales Projekt geworden.Und trotz der vagen Ziele war es für in der Raumfahrt eher unbedeutende Staaten wie Deutschland eine vielleicht einmalige Gelegenheit, auf ein solch gigantisches Raumschiff aufzuspringen.Gibt es etwas Verlockenderes, als beim Spiel der Großen mitzumischen? Allein: Wenn Große sehr Großes wagen - fast 100 Raketenstarts und Weltraumausstiege sind allein in der Aufbauphase vorgesehen -, kann man auch mit ihnen untergehen.

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