Zeitung Heute : Draußen vor der offenen Tür

Ein Einbruch in den privaten Rückzugsraum wiegt oft schwerer als der tatsächliche Schaden.

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Ein Albtraum. Einbruchsopfer leiden lange an der Verletzung ihrer Privatsphäre. Vier von zehn Einbrüchen finden heute tagsüber statt. Knapp 40 Prozent der Einbruchsversuche scheitern an mechanischen und elektronischen Sicherungssystemen. Foto: Initiative „Nicht bei mir“
Ein Albtraum. Einbruchsopfer leiden lange an der Verletzung ihrer Privatsphäre. Vier von zehn Einbrüchen finden heute tagsüber...

Mein Sicherheitsempfinden in Berlin war immer hoch. Ich lebe hier seit fast 20 Jahren und war nie Opfer einer Straftat. Bis bei mir eingebrochen wurde. Ich war vormittags nur für zwei Stunden unterwegs und als ich heimkam, stand die Wohnungstür weit offen. Drinnen waren alle Schubladen geöffnet und Kartons aus den Regalen gezerrt. Ich hatte dennoch Glück. Es fehlte nichts Wichtiges und ich dachte, ich könne den Einbruch abhaken. Konnte ich aber nicht. Er hing mir nach. Wenn ich auf Reisen bin, hoffe ich, bei meiner Rückkehr nicht wieder vor einer offenen Tür zu stehen. Ich schließe die Wohnung von innen ab und schrecke noch heute auf, wenn ich im Halbschlaf eigenartige Geräusche höre. Mein subjektives Empfinden hat sich verändert.

Es ist fast zwei Jahre her, seit Innensenator Frank Henkel (CDU) ankündigte, das Sicherheitsgefühl in der Stadt zu verbessern. Einer der Schwerpunkte sollte die Bekämpfung von Wohnraumeinbrüchen sein, denn „nach Einbrüchen fühlen sich Menschen besonders schutzlos, weil ihr intimster Rückzugsraum verletzt wurde“.

Tatsächlich ist seitdem einiges geschehen. Polizeischüler sind von Haus zu Haus gegangen und haben den Mietern persönlich Zettel mit Tipps zur Wohnungssicherung in die Hand gedrückt. In den Fachkommissariaten gibt es Fahndungseinheiten, um Täter auf frischer Tat zu stellen. Es gibt mehr Rundgänge von Streifenpolizisten in den Bezirken. Die Zusammenarbeit mit den Bürgern wurde intensiviert, so dass jetzt die Verhaftung von drei Viertel der auf frischer Tat ertappten Diebe auf Hinweise aus der Bevölkerung zurückgehen. Dazu bietet die Polizei mehrmals im Jahr Sonderberatungen zum Einbruchschutz an. Auch in der Presse sind viele Artikel mit Anregungen zur Verbesserung der Sicherheit erschienen.

Diese Aktivitäten haben zu messbaren Erfolgen geführt. 2012 verzeichnete die Polizei in Berlin mehr als 12 000 Einbrüche – das sind mehr als 30 am Tag. Jetzt sieht es besser aus. Von Januar bis September registrierten die Behörden 6064 Einbrüche – 717 Fälle weniger als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres, ein Rückgang von 10,6 Prozent. Täter zu ermitteln gelingt allerdings nur in Ausnahmefällen. Mit der Festnahme von 140 Tatverdächtigen in den ersten neun Monaten stieg die Aufklärungsquote von 2,9 Prozent auf jetzt 6,1 Prozent. Das ist einer von 17 Fällen.

Ob die eingeleiteten Maßnahmen Auswirkungen auf das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger haben, ist schwer zu messen. An der Freien Universität Berlin arbeitet das „Forschungsforum Öffentliche Sicherheit“ seit Jahren an diesem Thema. Der wissenschaftliche Leiter Lars Gerhold sieht besonders drei Faktoren, die das subjektive Sicherheitsempfinden beeinflussen: „Die persönliche Betroffenheit von Menschen, die Opfer waren oder ein Opfer kennen, spielt eine große Rolle bei der Einschätzung der Sicherheitssituation“, sagt er. Dann sei die Struktur und Lage der Wohnumgebung sehr wichtig. „Wenn sie als verfallen, heruntergekommen und dunkel wahrgenommen wird, ist das Sicherheitsempfinden ein anderes als in einem freundlichen, einladenden und hellen Umfeld.“

Auch der öffentliche Diskurs beeinflusse laut Gerhold die Stimmung. Wenn gerade Straftaten wie Wohnungseinbrüche im Fokus medialer Aufmerksamkeit stehen, führe das zu einer überhöhten Wahrnehmung des Problems. Außerdem sei die subjektive Einschätzung der Situation selten einheitlich: „Untersuchungen identifizieren zumeist drei Gruppen, die aufgrund des Gefühls größerer Verletzlichkeit die Sicherheitssituation negativer empfinden als die Bevölkerung im Durchschnitt: alte Menschen, Frauen und Menschen, die als Opfer betroffen waren“.

Mein Kiez am Prenzlauer Berg gehört zu den freundlichen Umgebungen. Dennoch hatte eine Ladenbesitzerin, zumindest am Anfang, echte Probleme. „Gleich nach unserem Einzug wurde hier zweimal eingebrochen. Aber seit wir den Zettel ins Fenster geklebt haben, das hier weder Geld noch Computer zu holen sind, ist nichts mehr passiert“, sagt sie. Ein Plus an Sicherheit sieht eine Nachbarin in der Parkbewirtschaftung: „Mir gehen die vielen Kontrollen auf die Nerven. Die Parksituation hat sich auch nicht gebessert. Aber im Kiez laufen jetzt viel mehr Uniformierte herum und das schreckt vielleicht potenzielle Einbrecher ab.“ Und eine andere Nachbarin glaubt, dass eine hellere Straßenbeleuchtung – „bei uns ist das Licht einfach zu funzelig“ – zur Sicherheit beitragen würde. Übereinstimmend sagen alle drei, es sei hier relativ sicher, weil „immer Leute unterwegs sind.“

Diese Aussagen spiegeln die Einschätzung vieler Menschen. Besonders hoch bewertete Sicherheitsfaktoren sind, so das Ergebnis einer Tagung in der Evangelischen Akademie Tutzing in diesem Frühjahr, hell beleuchtete, überschaubare Orte und viel Betrieb auf den Straßen. Eher kritisch sieht man eine starke polizeiliche Präsenz vor Ort. Für Lars Gerhold ist ein anderer Faktor ausschlaggebend: „Das Wichtigste ist ein sozialer Zusammenhalt. Wenn man viele Menschen in seinem Umfeld kennt und schätzt, ist das nicht nur für die objektive Sicherheit, sondern auch für das subjektive Empfinden gut .“

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