Zeitung Heute : "Dreckiges Dutzend"

Das kennt jeder von seinem persönlichen Hausbriefkasten: Man schließt auf und bergeweise bunte Werbeblätter fallen einem entgegen, zwischen denen man seine Zeitung und die Post dann suchen kann.Im Internet ist das nicht anders.Selbst im besten Fall ist Werbung ein Ärgernis, im schlimmsten Fall handelt es sich um Betrug, und fast immer kostet sie Zeit und Online-Gebühren: Unerwünschte digitale Werbepost ist in den USA bekannt unter dem Namen "Spam", nach einem wenig nahrhaften Dosenfleischgericht.Aber vernetzte US-Bürger, die sich seit langem über ihre überfüllten elektronischen Briefkästen ärgern, können nun auf Abhilfe per Gesetz hoffen.

Ein jetzt vorgestellter Bericht der US-Handelsbehörde Federal Trade Commission (FTC) empfiehlt Richtlinien, die es Direktwerbern verbieten sollen, ihre wahre Identität hinter frei erfundenen digitalen Adressen zu verbergen.Und ein Gesetz, das im Juni im Bundesstaat Washington in Kraft trat, erlaubte nun erstmals einem Werbungsempfänger, vom Absender der unerwünschten Post eine Wiedergutmachung zu kassieren.

Die Direktwerber verstecken sich gerne hinter fiktiven E-Mail-Adressen, so daß ihre Post nicht umgehend an den Absender zurückgeschickt werden kann.Dem Websurfer Bruce Miller aus Seattle (Washington) allerdings gelang es, dennoch an den Absender einer Werbung für ein angebliches Wunderheilmittel heranzukommen.

Miller rief die gebührenfreie Bestellnummer an, ging zum Schein auf das Angebot ein und erhielt so die Adresse des Anbieters.Dem schickte der erboste angebliche Kunde dann eine Kopie der Werbe-E-Mail; unter Berufung auf das neue Gesetz, das die Angabe falscher Mail-Adressen verbietet, forderte Miller Geld - und erhielt vom zähneknirschenden Anbieter 200 Dollar.

Der Heilsaft-Händler beschuldigte Miller zwar der Erpressung, zahlte dann aber lieber doch, um die lästige Sache vom Hals zu haben.Der erstrittene Betrag mag gering sein, aber Millers Erfolg ist ein großer Sieg für Konsumenten, sagt die Anwältin der US-Organisation "Center for Technology and Democracy" (CDT), Deirdre Mulligan.

"Es ist ein sehr wichtiger Schritt hin zur Etablierung einer angemessenen Nutzung von E-Mail", so Mulligan.Ihre Organisation gehörte auch zu der Expertengruppe, die im Auftrag der FTC den "Spam"-Bericht anfertigte.In ihm wird ein Gesetz begrüßt, das schon vom US-Senat verabschiedet wurde.Nach dem Vorbild des Bundesstaates Washington soll landesweit die Angabe falscher Absenderadressen verboten werden.

Radikalere "Spam"-Gegner wie die "Coalition Against Unsolicited Commercial EMail" (CAUCE) sind allerdings gegen das Gesetz, weil es angeblich nicht hart genug gegen Direktwerber durchgreift - immerhin dürften sie auch nach Inkrafttreten der neuen Regeln weiterhin das Internet mit Reklame verstopfen.

Einig sind sich selbst verfeindete Organisationen wie CDT und CAUCE allerdings auf einem anderen Gebiet, auf das die US- Handelsbehörde bei der Vorstellung ihres "Spam"-Berichts hinwies.Die FTC stellte das "dreckige Dutzend" der beliebtesten E-Mail- Betrügereien vor.

Auf dieser Liste stehen Kettenbriefe, die 50 000 Dollar Profit in 90 Tagen versprechen, außerdem Wunderkuren und Selbstbausätze, die angeblich kostenloses Kabelfernsehen ermöglichen sollen.In einigen Fällen schritt die Behörde schon ein und zwang so zum Beispiel den Betreiber eines illegalen Kettenbrief-Systems zur Zahlung von zwei Millionen Dollar.

Die erfolgreichste Strategie gegen Direktwerber-Massenpost scheint außerdem Massenpost zu sein.Über 1 000 "Spammer" erhielten Briefe von der FTC, in denen sie vor weiteren illegalen Vorhaben gewarnt wurden.Jodie Bernstein, die Direktorin der FTC- Verbraucherschutzabteilung, kann stolz erste Erfolge melden: "Einige der Angeschriebenen wußten es sehr zu schätzen, daß wir sie darauf hinwiesen, wie sehr sie sich auf rechtlich wackeligem Boden bewegen."

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