Zeitung Heute : Drehbuchautoren-Ausbildung: Mut zu Gefühlen

Susanna Nieder

"Jetzt schreiben wir zwangsläufig erst mal Mist." Hier spricht einer, der sich auskennt. In knapp vier Jahren hat Wolfgang Pfeiffer rund 70 angehende Drehbuchautoren unterrichtet, und eins ist ihm dabei so klar geworden wie seinen Schülern: "Zur Geduld gibt es keine Alternative." Drehbuch schreiben lernt man nicht von heute auf morgen, auch Begabte nicht. Und erste Fassungen sind keine Grundlagen für einen Film, sondern nur ein kleiner Schritt dorthin.

Dabei klingt es zunächst einfach. Ein dreiaktiges Drehbuch lässt sich klar strukturieren mit Sequenzen, Wendepunkten, Höhepunkten. Viele ausgezeichnete Filme basieren auf dieser dreiaktigen Struktur: "Das Schweigen der Lämmer" etwa oder "Cool Runnings", die Geschichte vier jamaikanischer Bobfahrer, die noch nie Schnee gesehen haben. Mit seinen Schülern analysiert Pfeiffer solche Filme. Aber wenn es so einfach ist, warum gibt es nicht mehr davon?

"Zum Geschichten erzählen braucht man Mut und Freiheit." Die dramatische Struktur ist wichtig, doch sie ist nur Mittel zum Zweck. Eigentlich will man den Zuschauer bei seinen Emotionen packen, um ihm das Thema des Films zu vermitteln. "Philadelphia" zum Beispiel handelt, dramatisch gesehen, von einem Mann, der seine Arbeit verliert und vor Gericht zieht, um sein Recht einzufordern. Das eigentliche Anliegen - dass man Minderheiten, ob sie schwarz sind oder schwul, respektieren soll - wird den Zuschauern jedoch dadurch nahe gebracht, dass sie sich angesichts des aidskranken Tom Hanks die Augen aus dem Kopf weinen und so seine Sache zu ihrer machen.

Wer so erzählen will, darf keine Angst vor den eigenen Gefühlen haben. Nicht anders als ein Schauspieler muss er sich darüber hinaus trauen, sich mit seinen Gefühlen unter Umständen lächerlich zu machen.

Das ist schwerer, als man denkt. "Gerade in Deutschland geht immer gleich das ideologische Sperrfeuer los", sagt Pfeiffer: "So ist die Welt nicht, heißt es dann, das ist zu simpel." Wer in Deutschland die Geschichte von der Nutte und dem Milliardär erzählen wollte, müsse sich auf etwas gefasst machen. Trotzdem war "Pretty Woman" hier ebenso erfolgreich wie in der restlichen Welt - und nicht in erster Linie wegen Richard Gere und Julia Roberts (die damit bekannt wurde), sondern weil der Film wunderbar erzählt ist.

Also versucht Pfeiffer, seine Schüler aus der Reserve zu locken. Viele von ihnen kommen in der Hoffnung, nur Technik zu lernen und sich um die Gefühle herumzudrücken. Dagegen redet, spielt, gestikuliert er an. Wenn er eine Geschichte entwickelt, unerwartete Ideen aus dem Ärmel zaubert, sie mit beispiellosem Rhythmusgefühl formt, fortspinnt und in den Raum pritscht, fragt man sich, warum man das nicht einfach so hinschreibt - ja natürlich, das ist es! In solchen Momenten führt er vor, dass die ganze Welt Material ist, dessen sich Geschichtenerzähler bedienen können, ohne ständig zu zensieren, analysieren, abzumessen.

Dabei begreift sich Wolfgang Pfeiffer eigentlich nicht als Drehbuchlehrer. Er ist Autor, Regisseur und vor allem Produzent mit jahrzehntelanger Erfahrung - einer, der junge Talente entdeckt und fördert. 1990 produzierte er zum Beispiel "Stilles Land", den ersten Film von Andreas Dresen ("Nachtgestalten", "Die Polizistin"), 1991 "Warheads", den Erstling von Romuald Karmakar ("Der Totmacher"). Für Thor Fridrikssons "Children of Nature" wurde Pfeiffer für den europäischen Filmpreis Felix und den Oscar nominiert. Trotz solcher Erfolge und weiterer Auszeichnungen begann der bürokratische Wust der hiesigen Filmproduktion ihm an die Nerven zu gehen. Als er "Ausschlag an der Hand bekam, wenn ich einen Antrag auf Filmförderung schrieb", ging er nach Afrika, wo er an der Filmschule der UNESC lehrte. 1998 kam Pfeiffer nach Deutschland zurück.

Pfeiffer will Autoren ausbilden, bis er einen Pool hat, der das Material für seine neu gegründete Produktionsfirma "Pic Pack Media" liefert. Mitmachen kann jeder, der Talent und das nötige Durchhaltevermögen mitbringt und die Kursgebühr von 5900 Mark plus Mehrwertsteuer bezahlen kann.

Ein Kurs dauert neun Monate, innerhalb derer sich die Teilnehmer insgesamt fünf Wochen Zeit für Gruppensitzungen freihalten müssen. Pfeiffer seinerseits nimmt sich viel Zeit für die individuelle Betreuung der Scripts, die seine Schüler in dieser Zeit entwickeln. Die ersten Autoren haben mittlerweile Arbeiten eingereicht. Exposés für eine Filmreihe werden derzeit präsentiert, eine "Scriptlounge", in der Autoren und andere Filmschaffende Kontakte knüpfen können, plant Pfeiffer gemeinsam mit SAT1, ein Talentwettbewerb für angehende Drehbuchautoren mit prominenter Jury und ebensolchen Sponsoren ist in Arbeit. Eine bessere Adresse für einen Einstieg ins Drehbuchschreiben kann man sich kaum vorstellen.

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