Zeitung Heute : Drei Farben Grau

Ein irischer Architekt feiert den DDR-Wohnungsbau

Louise Brown[Dresden]

Der Name führt in die Irre. „Museum“ – das ist Größe, Stattlichkeit, Eleganz. Das sind lange Flure, respektvolles Schweigen und Flüstern. Später wird Ruairi O’Brien sagen, dass sie alle so sind, seine Museen: klein, einfach, uneitel. Und er wird dastehen, mit beiden Füßen fest im sandig-schlammigen Boden, eine kleine, stämmige Person, und erklären, was er, ein Architekt aus Irland, mit dieser dreckigen Brachlandschaft in einem tristen Stadtteil Dresdens denn vor hat.

Stadtteilladen Johannstadt, am Nachmittag. O’Brien, Jahrgang 1962, sitzt mit dem Rücken zum Fenster, links von ihm ein halber, mit Staub überzogener Wartburg, rechts sitzt Werner Ehrlich mit leicht beschmierter Hornbrille. Ehrlich schiebt sie höher auf die Nase und sagt, dass er das „Ganze“ gerne behalten hätte. Mit dem „Ganzen“ meint Ehrlich das Plattenwerk Johannstadt, eine Fabrik, die vor einem Jahr abgerissen wurde. Und dem der Dresdener und sein irischer Kollege nun ein Museum widmen wollen.

Im schummerigen Licht des Stadtteilladens erzählt Ehrlich die Geschichte: 1958 gebaut, die ersten Platten aus Kriegstrümmern gefertigt, danach 30 Jahre Produktion, tagein, tagaus, auch in der Nacht. 1991 stillgelegt, elf Jahre Verfall. Was blieb, war die Erinnerung an das ehrgeizige Wohnungsbauprogramm der DDR, ein Programm, aus dem Häuser entstanden, die zum Inbegriff des Alltags in dem kleinen Land wurden. Ein Programm, aus dem auch die Johannstadt entstand.

Ehrlich, Mittfünfziger, betreibt den Stadtteilladen, und er macht sich schon seit Jahren Gedanken über das Viertel. Er erzählt, wie das Werk, auch nach der Wende, als keine Platten mehr benötigt wurden, einfach weiter arbeitete, zwei Jahre lang. Dann war Schluss. Ehrlich schüttelt den Kopf. „Das ist so, als ob das Herz Johannstadts einfach aufgehört hätte zu schlagen.“

Ehrlich zieht seine Jacke an, die Männer stehen auf. Draußen, über der Skyline von Johannstadt, hängen Wolken. Sie sind grau und schwer. Am Horizont steht eine Reihe von Hochhäusern, wie Orgelpfeifen, in verschiedenen Höhen und Grauschattierungen. Dort, wo das Plattenwerk einst war, ist ein großes, sandiges Loch. Während der Wochen des Abrisses kam Ehrlich jeden Morgen auf das Gelände und hat gerettet, was zu retten war.

Es liegt in Haufen eingeteilt an einer Seite des ehemaligen Werksgeländes. Ehrlich schreitet sie langsam ab. Sechs kleine Berge aus grauem Geröll. Jeder ein kleines Stück Geschichte, jeder ein bestimmter Plattenbautyp. Neben welchen aus der Nachkriegszeit, eine grobe, grau-braun melierte Mischung, liegen die feineren Platten für die Wohnungsbauserie 70. Die WBS 70 war der meistgebauten Wohnungstyp der DDR.

O’Brien holt ein Stück Kreide aus der Tasche seines Tweed-Jacketts und beginnt, auf dem steinigen Boden eine Linie zu zeichnen. Aus den Strichen werden imaginäre Ausstellungsräume. Jeder „Raum“ besteht aus einer großen, niedrigen Holzkiste, in die die Überbleibsel von übriggebliebenen Platten gefüllt werden. Auf 50 mal 100 Metern, sieben „Räumen“, jeder mit einem anderem Stein von einem anderen Haufen gefüllt. Dazu ein Garten, das Pförtnerhaus, eine alles überragende Laterne und ein Gehweg aus Ziegeln. O’Brien arbeitet seit 1991 in Deutschland, vor acht Jahren gründete er ein Architekturbüro in Dresden.

In April soll der erste Teil des Museums fertig sein, der „Geheime Garten“. O’Brien zeigt auf ein paar Sträucher und einen jungen, dürren Baum. Hier, gleich hinter den ehemaligen Kiesgruben des Werks, soll er entstehen. Die Pflanzen sind alle erst nach dem Mauerfall gewachsen, sagt er.

O’Brien greift in den Stahlzaun, der das Gelände vom Bürgersteig, der Straße und dem restlichen Johannstadt trennt und lehnt sich daran. Er ist leicht verbogen, so als ob jemand das vor ihm schon öfter getan hat. Ehrlich erzählt von den Fotos, die ein Freund vom Werk gemacht hat, als es noch stand. Gemeinsam haben sie die aufgehängt, als Dokumentation, an den Stahlzaun. Sie blieben dort nicht lange. Nach und nach hat man sie abgerissen.

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