Zeitung Heute : Drei Farben: Grün

Jan Schulz-Ojala

Ja, der Schluss ist schön. Die Flüchtenden, die Liebenden sind, hoch oben auf einem Landgut in der Toscana, schon fast gestellt, aber da steht noch der Polizeihubschrauber mit laufendem Motor. Flugs setzt sich das Paar hinein - und schraubt sich, unverwundbar durch das nun aus Dutzenden von Läufen losbratzende Gewehrfeuer, senkrecht in den Himmel. "In den siebten Himmel", schreibt "Der Spiegel". Wohl eher todeswärts in den achten oder neunten, mitten in einen der ungewöhnlichsten Suizide der Filmgeschichte.

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Rührend schön ist dieser Schluss von Tom Tykwers "Heaven", womit die erste Berlinale unter Dieter Kosslick eröffnet, wohl vor allem wegen seiner Kindlichkeit. Er rettet ein Paar, von dessen Zartheit man als Achtjähriger träumen mag, rettet es vor Strafe, Vergeltung, staatlichem Zugriff. Am Vorabend dieser Szene sind sich die Beiden - von der Kamera in einer scheuen Scherenschnitt-Totale beobachtet - unter einer mächtigen Zeder bei ebenso mächtig erstrahlendem Sonnenuntergang erstmals körperlich nahe gekommen, auch dies ein spätes Kinderzimmer-Poster von der großen Liebe. Und nun ist, zumindest auf Erden, schon alles vorbei. Kein Schmerz mehr, kein Verlust und keine Erfahrung. Unschuld, Reinheit, erste, letzte, ewige Liebe.

Merkwürdig: Je älter er wird, desto zielstrebiger scheint der 36-jährige Tom Tykwer rückwärts, ins Kindliche zu reisen. "Die tödliche Maria", sein Debüt vor acht Jahren, handelte von verzweifelt und verschroben einsamen Erwachsenen. Sein bleibend faszinierender "Winterschläfer" beobachtete Twentysomethings bei ihrem mal meditativen, mal burlesken Aneinander-Vorbei. "Lola rennt" war ein toller Clip, ein Fest für die kollektive Postpubertät. "Der Krieger und die Kaiserin" ließ eine sehr unschuldige Liebe aus einer Lebensrettung entstehen und rettete sich dann selbst vorm Leben in eine Art Todestraum; und nun, in "Heaven", braucht es nicht einmal mehr den dramatischen Luftröhrenschnitt unterm Lastwagen, sondern ein simples Händehalten, um die Liebe über jedwedes Leben triumphieren zu lassen - in märchenseligen Bildern, die das unverlierbare Paradies beschwören.

Dabei fängt "Heaven" ziemlich tough an. Die Englischlehrerin Philippa (Cate Blanchett), die ihren heroinsüchtigen Mann und ein paar Schüler an den Drogentod verloren hat, setzt auf Selbstjustiz, weil die Turiner Polizei ihre Hinweise ignoriert: Sie bastelt eine Bombe, die den einflussreichen Oberdealer in seinem Hochhaus-Büro töten soll und stellt sich nach dem Anschlag sofort. Das ist die schnell, wirkungsvoll und zugleich diskret fotografierte Action dieses Films, erledigt noch vor dem Vorspann. Anders gesagt: das Lasso, mit dem Tykwer sein Publikum für die Re-Action einfangen will. Für das Echo des Ereignisses in den Figuren. Denn die Bombe zündet zwar, tötet aber vier Unschuldige.

Ein starker Plot. Schuld und Sühne: das Kernmotiv, das Krzysztof Kieslowski zum Ursprungsdrehbuch von "Heaven" veranlasst haben mag. Zufall und Schicksal: das Grundmotiv, um das wiederum Tykwers Filme kreisen. Der Film aber interessiert sich nicht wirklich für sein psychologisch-dramatisches Potential. Vielmehr überlässt er fortan dem sehr, sehr jungen Polizei-Protokollanten Filippo (Giovanni Ribisi), der sich in die überführte Attentäterin verliebt, alle Initiative. Filippos Impuls: Liebe auf den ersten Blick und sonst gar nichts. So holt er Philippa aus der Zelle, versteckt sie unterm Dach des Präsidiums, sorgt für die nachträgliche Exekution des Bösewichts, indem er Philippa Waffe und Opfer besorgt, und flieht mit ihr über alle toskanischen Berge. Spätestens hier, in seiner späten Mitte, hat der Film sich auserzählt. Und schleppt sich doch, langsamer und langsamer, seiner schlussendlichen, unendlichen Lust aufs Fliegen entgegen.

"Heaven" ist Tom Tykwers erste Auftragsarbeit, und das mag manche Absonderlichkeit erklären. Viele Köche waren an dem Ergebnis, diesem sogenannten deutschen Film durchgängig englischer und italienischer Sprache, beteiligt. Die französische Produktionsfirma Noe, im Besitz der Kieslowski-Rechte, animierte zunächst Harvey Weinstein vom US-Studio Miramax zum ersten Teil einer Trilogie namens "Heaven, Hell and Purgatory". Miramax schlug Regisseur Anthony Minghella das Projekt vor; der aber lehnte ab und stieg dafür als Koproduzent mit der britisch-amerikanischen Mirage-Films ein.

Und weil die Berliner X-Filmer, zu denen auch Tom Tykwer gehört, sich unterdessen anderweitig an Miramax gebunden hatten, kam Tykwer als Regisseur ins Spiel. So entstand ein Film, der Testvorführungen mit US-Publikum ebenso hinter sich bringen musste wie das Mitreden so mancher Leute beim Schnitt. Nichts Besonderes für eine Studio-Produktion, wohl aber für einen Autorenfilmer wie Tykwer. Im Presseheft bekennt er, fast übersieht man den Satz angesichts endloser gegenseitiger Schulterklopfereien: "Ich habe extrem mit dem Film gerungen und im besten Sinne mit ihm gekämpft."

Es gibt keine Sieger und Verlierer in "Heaven", nur einen schlechten Kompromiss. Relativ breit ist zum Beispiel die auf besserem Geheimnisbuch-Niveau eingefädelte Befreiung Philippas inszeniert - mag sein, dass dies amerikanischem Handlungsbedürfnis geschuldet war. Fast verbissen raumgreifend dagegen die Trance, mit der das verstörte Paar später im sonstigen, fast lieblos abgefilmten Geschehen herumsteht - wohl ein Zeichen für den deutschen Tiefsinn-Koeffizienten. "Heaven" ist kein Film aus einem Guss, sondern einer aus Aufgüssen. Er wirkt seltsam schwer und hat doch kaum Tiefe. Und wo er leicht sein will, hebt er nicht ab. Irgendwann jagt "Heaven" dann nur noch seiner Liebe nach, koste es, was es wolle. Seiner sehr kindlichen, behaupteten, einseitigen Liebe: Ein Grünschnabel von Mann begehrt eine durch ihre Tat wie vor sich selbst abgestorbene Frau. Sein Gefühlchen gilt allein, gegen alles Gewicht der Welt. So gesehen, hätte Tykwer seinen Film auch "Drei Farben: Grün" nennen können.

Und doch: Cate Blanchett und Giovanni Ribisi legen sich immer wieder wunderbar ernsthaft ins Zeug. Wenn der Film gar zu romantisch werden will wie auf dem Dachboden des Polizeipräsidiums, dann unterspielen sie die Szenen so achtsam, wie man einen Flugball anschneidet. Und wenn er sich einmal - seltsame Premiere bei Tykwer - in der prolligen Ästhetik des Sexfilms verfängt, dann sind sie nichts weiter als stille Zeugen, die die anderweitige Grobheit der Bilder auf ihre Weise dementieren. Gerade so vorsichtig, wie sie Tom Tykwer gehalten haben mögen, so führen sie uns durch dieses erste, sehr eigentümlich geratene Abenteuer der neuen Berlinale.

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