Zeitung Heute : Drei Frauen und zwölf leere Flaschen

NINA PETERS

Robin Stahmers "Auf Meer gebaut" im Ballhaus NaunynstraßeCognac, Whisky, Tequila ...Zwölf leere Flaschen schweben, an langen Fäden aufgehängt, über einer Bar im Ballhaus Naunynstraße.Der ganze Raum ist eine Kneipe.Die Zuschauer, auf Hockern weitläufig verteilt, eingerahmt von einem Flügel und drei Metallbetten, übernehmen die ungewollte Statistenrolle der Barbesucher.Der Alkohol fehlt dabei - zumindest für die Zuschauer.Dabei hätte er die einzige Rettung sein können in der Inszenierung "Auf Meer gebaut", in der Robin Stahmer das Seelenleben von drei Alkoholikerinnen abhandelt. Die Frauen erzählen Geschichten von enttäuschter Liebe und der Verführung durch Alkohol - nacheinander oder gleichzeitig.Reizüberflutung soll Einsamkeit assoziieren, Langeweile wird dabei produziert.Der großzügige Raum wird noch intelligent genutzt: Spielorte werden auseinandergezogen, Folien hängen von der Decke herunter und nehmen produzierten Wind als fließende Bewegungen auf - das Bruchstückhafte und Träumerische der Texte der Regisseurin und Autorin Robin Stahmer findet im Bühnenbild seine Fortsetzung. Gespielt wird jedoch aufs Dilettantischste: Eva Schöngut, der in diesem Stück der anspruchsvolle Part der alkoholabhängigen, stimmungsschwankenden Aga zukommt, ist unfähig, sich aus ihrer aufgesetzt-quängelnden, unnuancierten und dadurch unglaubwürdigen Spielweise zu befreien.Caroline Gerhold als Ino wirkt daneben blaß, als wäre sie von der Regie vergessen worden.Was mangels schauspielerischen Talents nicht ausgedrückt werden kann, wird per Super-8 an die Wand geworfen (Dionysos, der Gott des Rausches, erscheint zweigeschlechtlich, ekstatisch tanzend) oder mit Saxophon, Geige, Klavier und Schlagzeug umgesetzt. Dank den drei hervorragenden Musikern und der Schauspielerin Melanie van der Laan als Tonja, die ihre Freiheit in wilden Tänzen sucht, entsteht zumindest ein bezaubernder Moment: Getragen von einem pulsierenden Rhythmus des Schlagzeugs, begleitet von melancholischen Weisen der Geige, steigert sich Melanie van der Laan von langsamen Schritten mit weit geöffneten Armen zu einem expressiven Hexentanz um das Whiskyglas in ihrer Hand herum und endet in selbstliebkosendem Streicheln und erschöpftem Singen. Die Regisseurin versteckt sich währenddessen erfolgreich in einer Ecke und spricht Textpassagen ein.Mit einer bewußt schnoddrigen Vortragsweise tut sie den von ihr geschriebenen lyrischen Alkoholträumereien keinen Gefallen."Ich träumte von einer Inszenierung, und alle waren so unkonzentriert" - dieser Alptraum hat sich erfüllt.NINA PETERSBallhaus Naunynstraße, Naunynstraße 27, bis 10.August, jeweils 21 Uhr.

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