Zeitung Heute : Drei Tage Dauerhacken

KURT SAGATZ

Ein Weltrekord wie unlängst im Paderborner Heinz-Nixdorf-Museum, wo in der WDR-Computernacht 520 Rechner zu einem Linux-Cluster zusammengeschaltet wurden, steht zwar in Berlin nicht an.Gleichwohl werden in den nächsten drei Tagen im Bezirk Mitte im Haus am Köllnischen Park die Netzwerkleitungen heiß laufen, wenn von Sonntag bis Dienstag die erwarteten 1500 Hacker aus allen Teilen Europas zum 15.Chaos Communication Congress zusammenkommen, übrigens der ersten Jahresveranstaltung des Chaos Computer Clubs in Berlin.Der Wechsel der Veranstaltung von Hamburg nach Berlin hat nichts mit dem Umzug der Regierungsfunktionen an die Spree zu tun, sondern ist allein dem ständig steigenden Platzbedarf der Computerfans geschuldet.

Der kreative Umgang mit der Informationstechnik - so wie die Hacker, Cracker und Phreaks ihre Beschäftigung selbst definieren und sich dabei häufig als letztes Bollwerk zur Verteidigung der Informationsfreiheit sehen - hat oftmals bereits mythischen Charakter.Dies gilt auch für das 15.Jahrestreffen in Berlin, das dem kürzlich zu Tode gekommenen Hacker Boris F.gewidmet ist, der in der Öffentlichkeit besser unter seinem Pseudonym "Tron" bekannt geworden ist."Tron" galt als Experte in Fragen der Sicherheitstechnik und kannte sich besonders gut mit Verschlüsselungstechniken von Kartensystemen aus, über die er noch im letzten Jahr auf dem letzten Chaos-Kongreß referiert hatte.Der Berliner Hacker war im Oktober in Berlin tot aufgefunden worden.Die Polizei geht bislang von einem Selbstmord aus.Ohne nähere Angaben gehen die Vermutungen des CCC in eine andere Richtung.Unter anderem wird auf das Interesse von Wirtschaft und Geheimdiensten an den Kenntnissen des 26jährigen verwiesen.Um "Tron" wird es auf dem Kongreß auch inhaltlich gehen.Am Sonntag abend soll ein "Versuch zur Klärung von Trons Tod" unternommen werden, heißt es im Programmablauf unter der Webadresse www.ccc.de

Enthüllungen sind seit langem eine Spezialität des ehrenamtlich organisierten Clubs.So gehört es zu den unbestrittenen Verdiensten des CCC, auf Sicherheitsmängel bei verschiedenen Systemen aus den Bereichen der Telekommunikation, Computertechnik und der Finanzwirtschaft hingewiesen und diese belegt zu haben.Dieser Umstand ist der Hackervereinigung durchaus bewußt, denn im Gegensatz zu manch anderer Veranstaltung kann es sich der CCC leisten, selbst berichterstattende Journalisten für die drei Tage mit 75 Mark zur Kasse zu bitten.Sogar die Kameramänner, Mikrofonhalter und Skriptgirls des öffentlich-rechtlichen Fernsehens kommen hier nicht ungeschoren davon.Wer berichten will oder muß zahlt, obwohl gerade an den spannenden Orten wie dem "Hackcenter" nicht gefilmt oder fotografiert werden darf.

Nicht alle Themen des Kongresses sind so sensationell wie die Cracken von Telefon- oder EC-Karten oder die "Tron"-Enthüllungen.Hacken geht schließlich weit darüber hinaus, mit Wald-und-Wiesen-PCs Standardanwendungen laufen zu lassen.Einige Themen bewegen sich in Sphären, in die sich kaum jemand freiwillig vorwagt.Gleichwohl ist auch dieser Kongreß bemüht, aktuelle Tendenzen nachzuvollziehen und Fehlentwicklungen aufzuzeigen.So soll das Kongreßmotto "All Rights Reversed" auf die zunehmende Inkompatibilität technischer Entwicklungen und gesellschaftlicher Realitäten hinweisen.

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