Zeitung Heute : Drei Tore gegen die Angst

MONTPELLIER (sid).Zweifel, Selbstkritik und indirekte Schuldzuweisungen: Trotz des 3:0 (1:0) gegen Kamerun herschte beim dreimaligen Weltmeister Italien alles andere als überschäumende Freude.Den Gruppensieg greifbar nahe und einen "leichten" Achtelfinalgegner vor Augen, überwogen bei der "Squadra azzurra" dennoch die nachdenklichen Töne."Wir haben zuviel gelitten und hatten unerklärliche Durchhänger", machte der sichtlich gestreßte Trainer Cesare Maldini auf Schwachstellen gegen die nach Raymond Kallas Platzverweis dezimierten "unbezähmbaren Löwen" aufmerksam.Sohnemann Paolo ergänzte: "Wir spielten zu nervös und haben zu viele Fehler gemacht.Wenn wir bei dieser WM weit kommen wollen, müssen wir uns erheblich steigern."

Die Kritik an der eigenen Allerweltsvorstellung zog sich wie ein roter Faden durch alle Stellungnahmen."In unserem Mittelfeld stimmte einiges nicht, da wir trotz Überzahl die Partie nicht unter Kontrolle hatten", moserte der bis auf drei Traumpässe blaß gebliebene und zu Recht ausgetauschte Roberto Baggio.Sein spät eingewechselter Nachfolger Alessandro Del Piero assistierte: "Wir müssen analysieren, was falsch lief." Auch die italienische Presse beschönigte nichts.Die "Gazzetta dello Sport" titelte: "Drei Tore gegen die Angst." Selbst nach dem historischen 100.WM-Tor Italiens durch Di Biagio zum frühen 1:0 schwankten die Tifosi zwischen Himmel und Hölle.

Doch der Erlöser hat einen Namen: Christian Vieri.Er wandelt auf den Spuren der WM-Schützenkönige Salvatore "Toto" Schillaci und Paulo Rossi.Als dritter "Azzurri" hat der Spanien-Legionär von Atletico Madrid die Torjäger-Krone im Visier.Ein Kapitel italienischer Fußball-Geschichte hat Vieri bereits geschrieben: Mit seinen Toren Nummer zwei und drei in Frankreich besiegelte er das 3:0 (1:0) über Kamerun und den höchsten Erfolg des dreimaligen Titelträgers bei einer Weltmeisterschaft seit 28 Jahren (zuletzt 4:1 über Gastgeber Mexiko 1970).

"Mein Job ist es, Tore zu schießen.Ich denke noch nicht daran, daß ich bester Schütze werden könnte.Wichtig ist, daß wir mit einem Sieg gegen Österreich den Einzug ins Achtelfinale perfekt machen", sagte Vieri den heimischen Reportern, die sich um einen O-Ton des "Helden" von Montpellier fast prügelten.Vergessen waren plötzlich die Diskussionen um den gemeinsamen Einsatz von Roberto Baggio und Alessandro Del Piero im Angriff.Stattdessen steht fest: An Vieri führt nach seinem fünften Tor im zehnten Länderspiel kein Weg vorbei.Mit einer Kampfansage an den designierten WM-Star Ronaldo und Titelverteidiger Brasilien als möglichem Achtelfinal-Gegner feierten Italiens Gazetten den neuen Liebling der Tifosi."Vieri sendet eine Botschaft an Brasilien: Wir sind auch noch da", titelte "Tuttosport" (Turin).

Einem Blitzstart mit dem Tor durch Luigi Di Biagio (8.) folgte viel Leerlauf, bevor Vieri (75.und 90.) kaltschnäuzig vollstreckte."Ich weiß nicht, was der Mannschaft fehlt.Vielleicht ist es Persönlichkeit.Meine Leute sind es gewohnt, im Verein auf hohem Niveau zu spielen - und dann sind sie gegen Kamerun wie blockiert", kritisierte Nationalcoach Cesare Maldini und hielt sich mit Lobeshymnen über Vieri merklich zurück: "Wir gewinnen, und wir leiden zusammen."

Trotz aller Katerstimmung herrschte auch bei den "unbezähmbaren Löwen" nicht nur Katzenjammer."Wir sind noch lange nicht aus dem Rennen", versprach Trainer Claude Le Roy."Wir schlagen Chile und hoffen auf Schützenhilfe Italiens." Der Franzose haderte vor allem mit Edward Lennie: "Das 0:3 ist auch eine Folge der anfechtbaren Entscheidungen des Schiedsrichters, die Italien nicht gerade benachteiligt haben."

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