Zeitung Heute : Dreierlei Suche nach Befreiung

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Künftig wird niemand mehr die Grausamkeiten des Apartheid-Regimes, aber auch den Gegenterror des schwarzen Befreiungskampfes leugnen können.Auf 3500 Seiten hat die Wahrheitskommission die Untaten beklemmend detailliert aufgelistet.Aber hilft die Wahrheit dem Land am Kap tatsächlich auf dem Weg zur Versöhnung? Südafrika scheint sich da weniger sicher zu sein als das Ausland, das dieses Experiment mit viel Lob begleitet hat.Bei den Familien der Opfer hat die erneute Konfrontation mit dem Leid alte Wunden wieder aufgerissen.Die Uneinsichtigkeit vor allem der früheren weißen Herrschaftsschicht, aber auch der neuen politischen Klasse aus dem Afrikanischen Nationalkongreß (ANC) hat noch Salz in diese Wunden gestreut - bis zuletzt versuchten sie, einen Teil der Vorwürfe zu unterdrücken und das Gesamturteil über ihr Handeln abzumildern.

Doch solche Unzulänglichkeiten dürfen nicht davon ablenken, daß hier ein neuer Weg beschritten wurde.Daß da einem System, das die Menschenrechte verachtete, öffentlich der Prozeß gemacht wurde - und seine Repräsentanten persönlich am Pranger standen -, war ja nicht das Hauptziel.Das eigentliche Anliegen ist Versöhnung - um den Preis, daß die Täter, die ehrlich zur Aufklärung beitragen, in der Regel straffrei ausgehen.Keine Strafe? Das war zwar bei den meisten Diktaturen der Geschichte selbst nach monströsen Untaten eine schlimme Regel - Stalin, Franco, Pol Pot - aber nicht, weil die Welt dies bewußt anstrebte, sondern infolge eines Schweigekartells der betroffenen Nationen.Freiwillig setzt sich kaum ein Volk mit seinen Verbrechen auseinander.Die Nürnberger Prozesse zwangen die Allierten dem befreiten Deutschland auf.Das Haager Tribunal für bosnische Kriegsverbrecher kann auf Mithilfe der in den Bosnien-Krieg verwickelten Serben, Kroaten und Moslems nicht zählen.

Soll eine Gesellschaft überhaupt diesen Blick in die dunkle Seite ihrer Seele wagen? Soll sie nicht lieber den Mantel des Schweigens über die Verbrechen breiten, damit die böse Hinterlassenschaft ihr nicht den Weg in die Zukunft verstellt? So hat es Japan gehalten, so will offenbar Rußland mit der Sowjetzeit verfahren.Deutschland hat den umgekehrten Schluß aus dem unbefriedigenden Umgang mit dem Nazi-Erbe gezogen - und beim SED-Unrecht ebenfalls einen neuen, einen dritten Weg gewählt: Im Vordergrund steht weder Strafe wie in Nürnberg und Den Haag, noch Wahrheit mit dem Ziel der Versöhnung.Sondern beim Gauck-Konzept sind es die Opfer, denen die Macht über ihre Akten, ihre Biographie zurückgegeben werden soll - als später Sieg über die Stasi-Täter.Doch nimmt die deutsche Gesellschaft wirklich teil an diesem Ringen um Rehabilitierung? Bei allen drei Ansätzen bleibt das Gefühl zurück, es werde allenfalls Stückwerk geleistet.

Kann es überhaupt anders sein? Ein jahrzehntelanges Zwangsregime greift in fast alle Lebensbereiche ein, eröffnet Mitläufern Bildungs- und Karrierechancen, versperrt sie Dissidenten.Die vielfältigen Folgen lassen sich weder mit dem Strafrecht noch mit Wahrheitskommissionen beseitigen.An die Stelle der jahrzehntelangen Rassentrennung in Südafrika ist eine tiefe soziale Spaltung getreten.Die Gefahr, daß die Frustrationen der mittellosen schwarzen Jugend sich in Gewaltakten gegen die zum Teil obszön reiche weiße Oberschicht entladen, ist noch nicht gebannt.Das konnte die Wahrheitskommission auch nicht leisten.Sie hat Wahrheit gesucht.Gerechtigkeit konnte sie nicht schaffen.

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