Zeitung Heute : Dreiraumwohnung für Bill Gates

Markus Ehrenberg / Kurt Sagatz

Bill Gates sucht 3- bis 4-Zimmer-Bude, mit separater Küche, separatem WC. Heizung, Rauchmöglichkeit. So oder so ähnlich könnte eine Wohnungsanzeige aussehen, in diesen Tagen. Allerdings nicht für Bill Gates persönlich, sondern für eine ganz spezielle PR- Kampagne.

Der Boss von Microsoft ist sowieso Nichtraucher und hat schon ein schönes Domizil, aber darum geht es hier nicht. Es geht um Millionen, und wie man sie am besten aus dem Portemonnaie der Kids zieht, die keine Lust mehr auf Monopoly haben. Es geht um Spielkonsolen und um den Riesenmarkt, der drumherum aufgebaut wird, nicht nur auf der am Donnerstag in Nürnberg eröffneten Spielwarenmesse. Zwar ging der Umsatz mit Konsolen und Software 2001 in Deutschland auf 706 (vorher 726) Millionen Euro zurück, aber 2002 soll alles anders werden. In Nürnberg scharen sich die Besucher um die kleinen, bunten Joystick-Kästen, mit denen die Spieler in eine Welt aus Rittern, Lara Crofts und Autorennen spurten, schießen oder springen. Mit welchem Gerät man das tut, ist fast eine Glaubensfrage. XBox, GameCube oder PlayStation2 - was ist die beste Konsole? Wer hat die meisten Spiele? Die PR-Schlacht 2002 hat begonnen. Und in ein paar Wochen soll sie erst richtig losgehen.

Damit die Xbox - nach der Einführung in den USA und einer Lasershow-PR-Party im Maison Bulles in Cannes - in Deutschland das "Videospielsystem der nächsten Generation" (Pressetext) wird, ist die Microsoft-Strategie: kein öffentlicher Raum mehr ohne Xbox, kein Kaufhof ohne Demo-Station. Das ist nicht neu, und da gibt es ja noch Fluchtmöglichkeiten. Die Konsole wird allerdings auch da beworben, wo sie später hingestellt werden soll: i m privaten Raum, in Wohnungen in deutschen Großstädten. WGs bevorzugt. Zum Probespielen.

Wohnzimmeratmosphäre

Man muss kein Freund von Bill Gates sein, aber die Sache lohnt sich auch für Linux-Studenten. Zwei bis drei Tage sollen die "bestenfalls möblierten" Wohnungen angemietet werden, so dass eine Handvoll Geräte in "Wohnzimmeratmosphäre" vor der Presse gespielt werden können. Für die Gastgeber sind eine Monatsmiete, Endreinigung und alternative Unterbringung in Hotels drin. Nette Ausbildungsförderung. Und es besteht auch kein Zwang, sich hinterher eine XBox zu kaufen.Immerhin kostet die 480 Euro.

Der GameCube kommt am 3. Mai in den Handel und wird mit einem angepeilten Preis von 249 Euro erheblich billiger sein als die Xbox, aber auch als die PlayStation von Marktführer Sony. Für Nintendo ist der GameCube die Fortsetzung einer langen und bislang erfolgreichen Konsolen-Geschichte, denn nach wie vor ist der kleine Gameboy der erfolgreichste tragbare Spielecomputer überhaupt. Zudem haben die Cyber-Figuren wie Super Mario oder Donkey Kong selbst nach rund zwei Jahrzehnten eine treue Fan-Gemeinde, ob nun in der zweidimensionalen Welt des Nintendo Entertainment Systems oder im 3D-Look des N64.

Wie wichtig jedoch das richtige Marketing für den Erfolg im heiß umkämpften Multi-Milliarden-Dollarmarkt ist, hatte Nintendo im Wettbewerb gegen Sony schon einmal erfahren müssen. Der aggressiven Werbekampagane für die PlayStation 2, die sich vor allem auch an die etwas älteren Spielefreunde mit schnellen Autorennen und äußerst realistischen Kampfspielen wandte, hatte Nintendo nicht viel entgegenzusetzen. Immerhin schaffte es die Mario-Company, mit ihrem kinderfreundlichen Image das Überleben zu sichern. Dem alten Erzrivalen Sega gelang dies bekanntlich nicht. Obwohl das Unternehmen mit der Dreamcast-Konsole die Konkurrenz zuletzt technisch sogar überholt hat, konnte sie das zuvor verloren gegangene Terrain nicht wieder gut machen. Als Hardware- Hersteller ist Sega inzwischen aus dem Rennen. Was geblieben ist, sind die Spiele. So wird Sega unter anderem als Entwickler für den neuen GameCube tätig werden.

Allein mit dem Kinder-Image wird es das Traditionsunternehmen Nintendo schwer haben, gegen den Marktführer Sony und den mit einem Mammut-Werbeetat daherkommenden Microsoft-Konzern Schritt zu halten. So hat Nintendo-Europa-Manager David Gosen angekündigt, dass nun die Generation der jungen Erwachsenen verstärkt anvisiert wird. Natürlich wird die Schlacht über die Leistung ausgetragen, denn beim Spielen entscheidet nicht allein das Image, sondern auch die Qualität der bewegten Bilder auf dem Bildschirm.

Ein 485 Megahertz-Prozessor von IBM, ein Spezial-Grafikchip von ATI, Mini-Disks als Abspielmedien und ein Modem für Online-Spiele sollen hier für das richtige Tempo sorgen. Rund 20 Spiele sind für den Start in Deutschland vorhanden, darunter die neuesten Abenteuer von Mario und Sonic, seinem Sega-Gegenpart von Einst. Bleibt zum Schluss die Frage nach der besten Konsole. Die beste PR-Kampagne hat die Xbox. Die gesuchten 3-Raum-Wohnungen sind schon gefunden.

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