Zeitung Heute : Drittes Reich: Das große Vergessen

Jürgen Schreiber

Der Angeklagte Julius Viel wird demnächst 83 Jahre alt. Für den Greis ist der Vorsitzende Richter Hermann Winkler mit seinen 64 ein junger Spund. Winkler leitet am Landgericht Ravensburg den Prozess gegen Viel. Den Vorwurf gegen den Rentner trägt Staatsanwalt Kurt Schrimm vor, Jahrgang 1949. Wie Verteidiger Ingo Pfliegner ist er erst nach der Tat geboren, um die es bei Aktenzeichen 30 Js 36780 geht. Pfliegner entschuldigt sich wiederholt für seine "Jugendlichkeit", er sei im schicksalsträchtigen 1945 noch nicht auf der Welt gewesen. Seinerzeit soll SS-Offizier Viel in Leitmeritz "aus Mordlust und sonst niedrigen Beweggründen" sieben jüdische Häftlinge mit dem Karabiner erschossen haben.

55 Jahre später. Der Prozess hat etwas von einem fernen, jedoch unerbittlichen Grollen, beunruhigend und unheimlich, zumal in der klösterlichen Stille des zum Gericht umgebauten Kirchenbaus. Verflossene Zeit, über ein halbes Jahrhundert, behindert die Wahrheitsfindung, ist sogar Verbündete des Angeklagten, der, im Zweifel, freigesprochen werden müsste. Denn auch im zweiten Verhandlungsmonat bleibt umstritten, ob es sich bei den einzig vom Augenzeugen Adalbert Lallier geschilderten Morden in der Ebene bei Leitmeritz um ein mögliches oder um ein wirkliches Geschehen handelt.

Gewiss, es gibt einen schwer Beschuldigten und eine Anklageschrift, die frösteln macht. Der Senior Viel unterliegt einer stark wechselnden Tagesform. Er wirkt heute rüstig, morgen aufgrund seiner Malaisen hinfällig. Oft sitzt er in sich versunken, wie verloren in Betrachtung. Der ehemalige Redakteur hat ein unbewegtes Gesicht, ohne Wärme und ohne Kälte. Meist schweigt er verletzt. Ein Schweigen voller Erinnerung? Wegen Kommunikationsproblemen mit dem Schwerhörigen sind sieben Mikrofone im Saal verteilt. Aber die Verständigung über Raum und Zeit bleibt schwierig. Heftig reagiert Viel nur, als er den Vorwurf des Augenzeugen Lallier "eine bodenlose Unverschämtheit" nennt und kategorisch erklärt: "Ich weiß von nix."

Der Angeklagte erscheint Tag für Tag wie aus dem Ei gepellt. Die dunkle Strickjacke gibt dem Silberhaarigen das Aussehen eines vertrauenswürdigen Opas, der in Saal 1 hereinschaut, weil er, gleich anderen Rentnern auf den Zuschauerbänken, nichts Besseres zu tun hat. Kerzengerade kommt Viel daher: knapp 1,80 Meter, mit denen er 1936 laut Stammkarte 292.583 die vorgeschriebene SS-Norm erfüllte.

Wie passt das Bild des gut erhaltenen Pensionärs zu jenem Mitglied der Waffen-SS, das kaltblütig genug gewesen sein soll, wehrlose Elendsgestalten aus dem Gestapo-Gefängnis "Kleine Festung" Theresienstadt abzuknallen? So behaupten es die Ermittler auf 74 Seiten. Oder geriet er an seinem Allgäuer Ruhesitz unschuldig in die Mühlen der Justiz? Für die engagierte Verteidigung kann nach dem bisherigen Ergebnis von "dringendem Tatverdacht" nicht mehr gesprochen werden, Lalliers Schilderungen seien "von gravierendsten Widersprüchen durchsetzt", meint Anwalt Pfliegner und beantragt, den Haftbefehl gegen seinen Mandanten aufzuheben; erfolglos. Pflieger, ein Aktenfresser, geht sogar so weit zu sagen, für ihn komme Lallier selbst "als Täter in Betracht". Die Staatsanwaltschaft würdigt die "Beweislage als bisher unverändert", Viel werde durch "glaubhafte Aussagen" Lalliers überführt.

Die Gespenster ruhen nicht. Schon jetzt steht fest, was für eine schwere Last die in den 50er und 60er Jahren versäumte, juristische Bewältigung von NS-Kriegsverbrechen heute für alle Verfahrensbeteiligten bedeutet. Der Versuch, ein schemenhaftes Geschehen nach den vielen Jahren dem Vergessen zu entreißen, bleibt ein quälendes Unterfangen. Die natürliche Unschärferelation vergrößert sich mit jedem Tag.

1979 beschloss der Bundestag, die Verjährung von Mord aufzuheben. Herbert Wehner hatte das während einer Israel-Reise gefordert. Es war die Konsequenz aus der sich peinlich dahinschleppenden Auseinandersetzung mit Hitlers mörderischen Helfern. Die "Holocaust"-Filme im Fernsehen und die Furcht vor internationalem Protest trugen zur Gesetzesänderung bei. Nach vorher geltender Regelung wären unzählige Gräueltaten sonst ungesühnt geblieben. Seit der "Schlussstrich"-Debatte sind weitere 21 Jahre vergangen, in denen das psychologische Wissen über falsche Erinnerungen und Selbsttäuschung wuchs.

Die Akten zählen unter Punkt IV "Urkunden- und Augenscheinsobjekte" 18 Zeugen auf, die vor Prozessbeginn starben. Ein 76-Jähriger bat das Gericht, sich an das zu halten, was er vor Jahr und Tag protokollieren ließ: "Es sitzt vor Ihnen ein zweiter Mann", wegen Krankheit sei er nicht mehr der, der er war. Der 75 Jahre alte Kronzeuge Lallier, Junker an der SS-Schule Leitmeritz unter Viel, nannte als Motiv der Aussage gegen den früheren Vorgesetzten, er müsse sein Gewissen erleichtern, "um später in Ruhe sterben zu können". Nach einem Besuch der Gedenkstätte Theresienstadt 1996 rang sich der in Montreal lebende Professor für Volkswirtschaft zur "schwersten Entscheidung" seines Lebens durch, offenbarte sich den Behörden mit der Schilderung der Exekution.

"Ich glaube Ihnen kein Wort"

Tatort sei der Panzergraben gewesen, den jüdische Häftlinge in den letzten Kriegstagen bei Leitmeritz unter kaum zu schildernden Umständen gegen die anrückende Rote Armee bauen mussten. Hunderte starben, bis zu 35 am Tag, viele durch Erschießen. Zeuge K., SS-Oberjunker, gab an, KZ-Häftlinge, gar Juden, hätten sie damals "nicht als Menschen, sondern als Abschaum" betrachtet. Das sei ihnen eingetrichtert worden. Die Rekonstruktion der äußeren Umstände lässt keinen Zweifel: Der Viel zur Last gelegte Exzess war dort in der Topografie des braunen Terrors jederzeit möglich.

Julius Viel betonte bei Vernehmungen, Lallier verfolge ihn aus unerfindlichen Gründen "mit einem fanatischen Hass". Was könnte das Motiv fälschlicher Beschuldigung sein? Lallier schont sich nicht, klagt sich als "Feigling" an. Er spricht vom Leid seines Lebens und meint die Mord-Szene, die er nie mehr loswerde. "Ich kenne jede Spur in seinem Gesicht. Ich kann mich unmöglich geirrt haben." Sogar die Melodie eines "slawisch klingenden Todesgesangs" habe er von der schwarzen Stunde "noch in den Ohren". Nach dem Krieg beichtete er das Ungeheuerliche einem Geistlichen, wobei rätselhaft bleibt, warum er das Erlebte trotz "Seelennot" erst 1998 den Behörden anzeigte. Das angedeutete Motiv einer langen inneren Auseinandersetzung mit sich selbst erklärt es nur vage. Das Bekenntnis, zu Himmlers Garde gehört zu haben, kostete ihn daheim die Reputation. Beim anstehenden zweiten Gerichtsauftritt Lalliers am Montag wird die Verteidigung auf durchaus widersprüchliche Details der Tatschilderung insistieren, seine Glaubwürdigkeit hinterfragen und den Werdegang ergründen wollen. Bei der Einwanderung nach Kanada soll Lallier die SS-Zeit verschwiegen haben.

"Das Vergessen ist das Privileg der Toten", heißt es bei dem Autor Heiner Müller. Die Lebenden plagen sich mit der Erinnerung herum, eine Archäologie des Schreckens. Im Saal hantieren betagte Zeugen unsicher am Mikrofon, lassen sich begriffsstutzig Fragen wiederholen, drehen zeitlupenhaft den Kopf, um zu sehen, wer das Wort an sie richtet. Danach irren sie durch den Bau, vorbei an Bildern mit Titeln wie "Schwer beladen" und finden die Gerichtskasse nicht, zu der ihnen der Vorsitzende mit erhobener Stimme den Weg weist: "Auslagen kriegen Sie dort vorne in Zimmer 8, gell."

Meist sind es Auftritte erschöpfender Monotonie, die ebenso erschöpfte Parteien zurücklassen. Zuweilen ist man froh, wenn eine der Gestalten sich des Panzergrabens erinnert, der kilometerlang durch die Landschaft geschlagen wurde. Dann seufzt der Richter erleichtert: "Mehr kann man nach 50 Jahren nicht erwarten." Alles in allem offenbaren die in Mannschaftsstärke aufgerufenen SS-Kameraden "einen kollektiven Erinnerungsverlust, der schaudern macht und den Verdacht nahelegt, sie hätten sich abgesprochen", schrieb die "Schwäbische Zeitung".

Beim großen Vergessen kann sich einer aus dem Trupp unwürdiger Greise auf Fotos selbst nicht mehr identifzieren. Dem Nächsten fällt der eiserne SS-Grundsatz "Meine Ehre heißt Treue" nicht ein. Für Ankläger Kurt Schrimm sind diese Aussagen so glaubwürdig, "wie wenn ein Pfarrer sagen würde, er kennt das Vaterunser nicht". Immerhin gibt das konzertierte Schweigen einen Begriff von der verschworenen Ordensgemeinschaft, von bitteren Geheimnissen aus Theresienstadt, der Schleuse zur endgültigen Vernichtung, deren Last unmöglich einer allein tragen kann. "Gehorsam bis zum Tod" hieß die Devise. Nach dem Blutgericht, das Viel vorgeworfen wird, soll es eine Verpflichtung zu lebenslangem Stillhalten gegeben haben.

Kurt Schrimm ist ein untersetzter, wuchtiger Mann. Er stürmt förmlich in den Saal, schlüpft im Gehen in die Robe und bindet sich den weißen Schlips. Er ist Leiter der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Der Verhandlung folgt er meist ohne jede Regung. Plötzlich schießt ihm bei einer Aussage das Blut in den Kopf. Dann schreit es aus ihm heraus: "Ich glaube Ihnen kein Wort!" Dem nächsten Zeugen haut er um die Ohren: "Das nehme ich Ihnen nicht ab. Sie lügen." Gegen den Ex-SSler G. setzte er ein Verfahren wegen uneidlicher Falschaussage in Gang. Anschließend brütet Schrimm wieder vor sich hin.

Anfang der 90er Jahre trat Schrimm im Prozess gegen SS-Mann Josef Schwammberger auf. Zuvor mit "aktuellen Kapitaldelikten" beschäftigt, müht er sich seit 1982 mit der trostlosen NS-Thematik ab. Das Schwurgericht Stuttgart erkannte wegen Mordes auf lebenslänglich für den 80 Jahre alten Schwammberger. Er sitzt noch immer in Mannheim ein. Was das Herumstochern im Nebel des Gedächtnisses betrifft, handelte es sich um einen vergleichbaren Fall.

Mit schief geneigtem Kopf lauscht der Vorsitzende Richter Hermann Winkler den Ausführungen. Er ist die Ruhe in Person, verändert seine Tonlage fast nie, manchmal zupft er am Schnauzbart. Winkler ähnelt einem melancholisch-skeptischen Moderator, jemandem, dem im Beruf nichts erspart geblieben ist: "Salzsäure-Mörder", Kindsmörder und Liebhaber, die Frauen ersäuften. Zeitungsleute charakterisieren ihn als "Mann mit den vielen Ohren", ihm entgehe nichts. Freundlicher Brillenblick, eine in Honoratioren-Schwäbisch gekleidete Verbindlichkeit - "Sie wisset, dass Sie hier die Wahrheid sage müsse" - könnten darüber hinwegtäuschen, dass die Strafkammer unter Journalisten "Blutkammer" heißt. Winkler befand "30 Mal mindestens" auf lebenslänglich, zuletzt sieben Mal im Jahr. Während er davon spricht, fällt ihm auf: "Das hat sich massiert."

Ursprünglich war Winkler auf Zivilrecht spezialisiert. Erst später kam der Stuttgarter ans Gericht und merkte: "Des liegt dir eigentlich." Der Jurist ist ein begeisterter Wanderer, ein "Mittelgebirgstyp", und deutet an, die Natur-Sehnsucht sei auch ein Versuch, das Monströse aus dem Gericht hinter sich zu lassen. Auf seinem Tisch stapeln sich Akten, daneben liegen Lottoscheine - hier das dokumentierte Grauen, dort die schöne Illusion. "Aber ich spiele nicht, um zu gewinnen, sondern weil ich mir vorstellen möchte, was ich mit dem Gewinn täte." Neuerdings erhält er Faxe und Briefe mit Hakenkreuzen. Es kommen auch Schreiben des Inhalts, ob es richtig sei, Viel nach scheinbar vorbildlicher, mit dem Bundesverdienstkreuz belobigter Journalistenkarriere um den Lebensabend zu bringen.

Hermann Winkler geht Mitte des Jahres in Ruhestand. Es stinke ihm mordsmäßig, aufhören zu müssen. Ob sich die international beachtete Verhandlung von anderen grundsätzlich unterscheide? "Noi, überhaupt net." In langer Laufbahn mangelte es ihm weder an Zeugen mit sagenhaften Erinnerungslücken noch an Angeklagten, "die gar nix mehr wisse". Vor dem Hintergrund neonazistischer Umtriebe bemüht er sich sehr um Versachlichung. Weder vom Umfang noch von der Dauer her handele es sich um ein "ungewöhnliches Verfahren". Ungewöhnlich sei allenfalls das Alter des Julius Viel.

Als es 1979 im Bundestag um die Mord-Verjährung ging, betonte Hans-Jochen Vogel: "Das Opfer hatte auch eine Mutter, hatte Eltern und wollte wieder nach Hause." Niemand weiß es genau, aber irgendwo sind die sieben "aus Mordlust und aus Rassenhass" Getöteten von Leitmeritz beweint worden, von Frauen, Männern, Kindern, Liebenden. Im Prozess tragen die Erschossenen keine Namen, sie sollen aber im "Schwarzen Buch" des Mirko Charvat stehen, Schreiber im Gestapo-Gefängnis. Laut der Kladde wurden am 19. März 1945 elf Häftlinge erschossen, bei sieben ist als Todeszeitpunkt 14 Uhr angegeben.

Die getilgte Vergangenheit

Man gäbe etwas darum zu wissen, was der Angeklagte angesichts des Zeugen Richard Löwy dachte, der erschütternd Bericht erstattete. Er, ein Wiener Jude, heute 72, war 16-jährig in Gestapo-Haft verschleppt worden, überlebte die Hölle. In Leitmeritz gehörte er zum "Karren-Kommando", musste Tote aufladen, Erschlagene, entkräftet Gestorbene. Die Erschießung, über die verhandelt wird, sah Löwy nicht mit eigenen Augen. Er stand im Graben, hörte davon: "So wie es die Häftlinge schilderten, war es Viel und kein anderer." In Ravensburg sprach Löwy von der Hoffnung, "näher zum Recht zu kommen". Gerechtigkeit sei ein Wort, das in seinem Sprachschatz nicht existiere.

Julius Viel hat sein Leben gelebt. Die Frage ist, ob mit dem 82-Jährigen überhaupt noch der Mann auf der Anklagebank sitzt, der er eventuell einmal war? Wäre er der Täter, hätte es das Gericht womöglich mit einem Geläuterten zu tun, der sich selbst resozialisierte. Zur Tatzeit, am Kriegsende, wird wertlos, was Viel bis dahin gelernt hat - SS-Offizier zu sein. Leidenschaft für Uniform, für Stiefel, für den Führer schlechthin tilgt er mit auffallender Zielstrebigkeit. In Dokumenten findet sich kein Wort mehr über seine SS- und NSDAP-Zugehörigkeit. Die neu geordnete Welt wankt, als ihm die Kripo 1964 wegen Leitmeritz auf den Fersen ist. Der Greis, gegen den in einer weiteren Mordsache ermittelt wird, wäre wahrlich nicht der Einzige, der durch erhebliche Verdrängungs- und Verleugnungsmechanismen als über jeden Verdacht erhabener Bürger weiterexistierte.

Oberstaatsanwalt Schrimm, der weltweit Holocaust-Überlebende befragte, sieht keinen Anlass, an der Notwendigkeit des späten Prozesses zu zweifeln: "Darüber kann nicht mehr streiten, wer die Opfer gehört hat, diejenigen, die zu leiden hatten."

Neben dem Landgericht steht die Stadtkirche. Ein Gottesdienst zum Thema "Trauer leben" ist angekündigt.

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