Zeitung Heute : Droge Arbeit

Der Staat schenkt jedem ein Grundeinkommen, und alle sind zufrieden. Wie das gehen soll, sagt der Kapitalist Götz Werner

Nadja Klinger

Mit einer Idee ist es so eine Sache. Sie wird im Kopf geboren. Man kann sie aussprechen, auf ihr beharren. Aber sie ist nicht wirklich da.

Götz Werner trägt seine Idee schon lange mit sich herum. Sie ist ein Teil von ihm. Sie spricht mit seinem Mund, lehnt sich im Stuhl zurück wie er. Sie hat seine Ausdauer. Werner macht Termine, um sie zu erläutern. Er erscheint pünktlich, stellt am Handy die Uhrzeit ein, zu der er weiter muss. Dann ertönt der Alarm. Er schaltet das Handy aus. „Wir haben unbegrenzt Zeit“, sagt er. Wenn es der Idee zugute kommt, bleibt er gern länger.

Anfang der 80er Jahre war Götz Werner fast 40 und ein erfolgreicher Unternehmer. Er wollte noch erfolgreicher werden. Er dachte: Alle Menschen müssten in der Lage sein, die von der Wirtschaft angebotenen Waren zu kaufen. Alle sollten ein Einkommen haben, egal ob sie arbeiten oder nicht. Dieses Grundeinkommen sollte die verschiedenen staatlichen Leistungen vom Kindergeld bis hin zum Arbeitslosengeld, Wohngeld oder Bafög ersetzen. Finanzieren will es Werner mit der Mehrwertsteuer. Die soll langfristig bis zu 50 Prozent ansteigen – dafür sollen alle anderen Steuern wegfallen. Auf einem Steuerkongress im Jahre 1989 fand Werner Anhänger unter den Experten. Doch Kopfgeburten haben keinen Anspruch auf Respekt. Sie müssen warten, bis ihre Zeit gekommen ist. Werner sagt: „Die Idee hat nie jemanden interessiert.“

Er kam 1944 in Heidelberg zur Welt. Der Großvater hatte eine Drogerie besessen, der Vater erweiterte sie um einige Filialen. Zum sechsten Geburtstag wünschte sich Götz Werner einen Drogistenkittel. Zur Drogistenlehre ging er nach Konstanz. In der Freizeit ruderte er auf dem Bodensee. Er hatte Kraft und Ausdauer.1963 wurde er Deutscher Jugendmeister im Doppelzweier.

Mit 24 Jahren stieg er ins Familiengeschäft ein. „Wenn du so weitermachst, bist du bald pleite“, sagte er zu seinem 66-jährigen Vater. Er wollte gründlich aufräumen. Der Vater schmiss ihn raus. Ein halbes Jahr später wurde seine Drogerie verkauft.

1973 gründete Götz Werner in Karlsruhe sein eigenes Unternehmen. Er nannte es dm – die Abkürzung von Drogeriemarkt. Bald gab es in Deutschland über 100 Filialen. Werners Aufstieg war beispiellos. Er besitzt 1600 Geschäfte in neun europäischen Ländern, rund 23 000 Mitarbeiter erwirtschafteten im Geschäftsjahr 2004/05 einen Umsatz von 3,3 Milliarden Euro. Er gehört zu den 100 reichsten Deutschen. Er wurde mit Preisen geehrt, erhielt das Bundesverdienstkreuz. Er hat sieben Kinder.

2003 bot ihm die Karlsruher Universität einen Lehrstuhl an. Werner hat nie im Hörsaal gelernt, nicht mal Abitur gemacht. Aus dem Drogisten wurde der Herr Professor. Er lehrt das Fach „Unternehmertum“. Die akademische Plattform war eine Chance für seine Idee. „Was ein Titel vorm Namen in dieser Gesellschaft alles ausmacht“, sagt er.

Mittlerweile ist er fast so alt, wie sein Vater war, als dem das Drogerieunternehmen über den Kopf wuchs. Götz Werner, der Sohn, hingegen war mit dem Kopf den Ereignissen stets voraus. Die Wirtschaft erstarkt, schafft dabei aber keine Arbeitsplätze. Das ist keine Prophezeiung mehr, sondern Gewissheit. Werner sitzt im Fernsehen, hält Vorträge vor Parteien, gibt Interviews. Er soll die Sache mit dem Grundeinkommen erklären. Er schlägt dem Staat vor, den Bürgern Geld zu geben – einfach so, ohne Gegenforderungen. Er sagt: „Nichts ist so stark wie die Idee, deren Zeit gekommen ist.“

Vor einem Jahr gab der Herr Professor einem Wirtschaftsmagazin ein Interview. Es war gerade gedruckt, da sollte er in die Talkrunde von Sabine Christiansen. Politiker waren da, der Gewerkschaftschef. Werner kam kaum zu Wort. Er sprach von Menschen, die nicht deshalb arbeiten, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Er prophezeite, dass sich mit dem Grundeinkommen das soziale Klima enorm bessern würde. Die Sätze reichten. Es kam Post aus dem ganzen Land.

In der „Stuttgarter Zeitung“ erschien eine Seite über ihn. Die Redaktion wurde mit Briefen bombardiert. Vor Wochen sprach Werner mit dem „Stern“. Er sagte: „Hartz IV ist offener Strafvollzug. Es ist die Beraubung von Freiheitsrechten. Es quält Menschen, zerstört Kreativität.“ Man meldete ihm 3000 Leserbriefe. Er landete bei Sandra Maischberger. Neben ihm auf dem Studiosofa saß Lothar Späth und runzelte die Stirn. Er zweifelte daran, dass Menschen mit Geld in der Tasche noch einen Finger krumm machen würden. „Haben Sie immer nur gearbeitet, um Geld zu verdienen?“, fragte Götz Werner. „Ich?“, entgegnete der CDU-Mann entsetzt. „Ich arbeite aus Begeisterung!“

Jetzt, da man ihn endlich öffentlich anhört, zeigt sich ein Problem: Der Mensch denkt schlecht vom Menschen, aber nur vom jeweils anderen. Politiker halten sich für Dompteure, die Leute auf Trab halten müssen. Bei Sandra Maischberger wurde eingeblendet: 1500 Euro für Nichtstun. Seine Idee vom Grundgehalt. Dazu sah man Götz Werners fröhliches Gesicht.

Tage nach der Sendung, er lief durch Köln zu einem Radiointerview, klingelte das Handy. Ein Freund war dran, Philosoph von Beruf. Werner hatte auf den Anruf gewartet. „Du musst dich in die Frage reinknien, warum Menschen, die sicher Geld bekommen, trotzdem arbeiten“, sagt er ins Telefon. „Ich brauche dringend geistige Nahrung.“

Einst, als der Unternehmer Werner immer erfolgreicher sein wollte, hat ihn das fast verzehrt. Er wurde reicher, aber wo war der Sinn? Musste er sich einen erfinden? Oder gab es ihn längst, und er hatte ihn hinter all den Berechnungen und Bilanzen nur nicht gesehen? Er begann die Klassiker der deutschen Literatur zu lesen. Auf dem Osterspaziergang sagte Goethes Faust: „Hier ist des Volkes wahrer Himmel, zufrieden jauchzet groß und klein, hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ Der dm-Chef blickte vom Buch auf sein Unternehmen und verpasste ihm einen Slogan, der es zu mehr als reinem Geschäft verpflichtete: „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein.“

Seine Drogerien existieren nicht losgelöst von Zeit und Raum. Er beschäftigt Leute, die mit Arbeit ihr Geld zum Leben verdienen. Er zahlt Löhne nach Tarif. Er kann alles versuchen, damit Verkäuferinnen und Kunden in seinen Läden zufrieden jauchzen. Letztlich muss er sich gegen die Konkurrenz behaupten.

Werners Geschäfte sind eine Mischung aus niedrigen Preisen, gutem Service, angenehmem Ambiente. Es gibt weder Wein noch Zigaretten, keinen Krempel, der Kunden fängt, auch keine Aktionsverkäufe, die vom Kauf der ursprünglich gewünschten Waren abbringen. Preise sind mindestens vier Monate gültig, Änderungen werden auf dem Etikett mitgeteilt. Waren werden ohne Kassenbon umgetauscht. In der Zentrale in Karlsruhe, heißt es, regiere Götz Werner selten mit Anweisungen, stelle vielmehr Fragen. In der Gesellschafterversammlung besitzt er lediglich 50 Prozent der Stimmen, die andere Hälfte hat sein Geschäftspartner. Seit 2002 wacht ein Aufsichtsrat übers Unternehmen, dem die Gesellschafter nicht angehören. Wer bei dm ausgebildet wird, lernt unter anderem auch Theater spielen. 50 Bühnenkünstler arbeiten jedes Jahr für dm. Angehende Verkäufer sollen sich ausdrücken können, mit Selbstbewusstsein, Fantasie an die Arbeit gehen. Das Unternehmen hebt die Welt nicht aus den Fugen. Es verändert sie ein ganz kleines bisschen. Werner sagt: „Ich glaube schon, dass bei uns ein anderer Ton herrscht.“

Im Jahr 2004 hat dm das erste Geschäft in Berlin eröffnet. Es liegt an der Wilmersdorfer Straße, in direkter Nachbarschaft zu anderen Drogeriemärkten. Die Filialleiterin Christiane von Roda ist 23 Jahre alt. Sie bestimmt übers Sortiment, wirtschaftet eigenständig. Manchmal linst sie in die Rossmann-Tüten, die Leute bei sich tragen. Sie erkennt rote Etiketten mit Tiefpreisen. Sie beobachtet, wie Kunden am Regal mit Waren hantieren, hört sie fragen: „War das nicht mal günstiger?“ Sie ist extrem gelassen. Götz Werner würde sagen, sie ist mit geistiger Nahrung versorgt. „Man muss den Gedanken dm stets bei sich tragen“, sagt sie.

Zu jeder Tageszeit arbeiten in ihrem Laden vier bis sechs Verkäuferinnen. Als die 25-jährige Kasia vor vier Jahren aus Polen nach Deutschland kam, wurden ihr Abitur und die Ausbildung nicht anerkannt. Sie bat in der neu eröffneten dm-Filiale um eine Chance. Sie begann mit ein paar Stunden pro Woche, seit Februar arbeitet sie 30, bald vielleicht noch mehr. Für Kasia ist dm ein Wunder: Glück auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Ihre Kollegin Carola war 15 Jahre Verkäuferin, wurde dann entlassen. Sie bewarb sich auf Annoncen. Eine 43-Jährige wollte keiner. Vor Tagen hat sie bei dm angefangen. Nicht wegen des Geldes, ihr Mann verdient. Sie will bis zur Rente im Laden bleiben. Wie Diana. Die 30-Jährige war als Verkäuferin schon mehrmals Opfer von insolventen Ladenketten. Jetzt, bei dm, will sie mehr als nur ihre Arbeit tun. Sie hat aufgehört zu rauchen. Von dem Geld, das sie spart, will sie Fortbildungen kaufen.

Eigentlich braucht Götz Werner keinen Philosophen, der mit markigen Sätzen eine Talkshowrunde überzeugt. Die Beweise, dass seine Idee funktioniert, arbeiten in seinen Läden. Als man Christiane von Roda einst die Filiale an der Wilmersdorfer Straße anbot, hat sie innerlich gejubelt. Berlin! Viel kennt sie von der Stadt bislang nicht. „Das hier ist meine Arbeit und meine Freizeit“, sagt sie. Mehrmals pro Woche kommt sie früh um sechs, rafft die Haare zum Zopf und räumt mit Aushilfskräften Regale ein. Sie würde auch über Nacht bleiben.

Nach der Eröffnung war Götz Werner öfter im Laden an der Wilmersdorfer Straße , hat mit von Roda und ihren Leuten geplaudert. Sie waren damals zehn. Jetzt sind sie 13 Frauen, zwei Männer, viele Neue, die ihren Chef nie getroffen haben. Sie kennen ihn nur von der DVD, die sie geschenkt bekamen, als sie bei dm anfingen. Sie sehen seine hohe Denkerstirn, aus der sich das graue Haar zurückgezogen hat. Die Brille auf der Nasenspitze, das Weinglas auf seinem Schreibtisch, aus dem er stets nur Wasser trinkt. Am Ende des kleinen Films sitzt er im Boot und rudert aus dem Bild. Wohin? Hin und wieder taucht er jetzt im Fernsehen auf. Er sagt: „Wenn man älter wird, merkt man, dass Erfolg nicht heißt, wie erfolgreich bin ich, sondern: wie gelingt es mir, andere erfolgreich zu machen.“ Er trägt das dm am Revers wie ein Parteiabzeichen.

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