Zeitung Heute : Drogen: "Wer will schon auf einen bekifften Gabelstapler treffen ?"

Michaela Böhm

Oliver D. hatte den Ausbildungsvertrag so gut wie sicher, es fehlte nur die körperliche Untersuchung. Der Werksarzt betrachtete seine Wirbelsäule, klopfte Reflexe ab und untersuchte Augen, Ohren, Haut. Dann bekam Oliver ein Fläschchen in die Hand gedrückt. Sein Urin sollte auf illegale Drogen getestet werden. "Das ist so üblich bei uns." Oliver hat den Ausbildungsplatz nicht bekommen. Warum, hat er nicht erfahren.

Der Drogen-Skandal um den Fußballtrainer Christoph Daum hat das Thema in die breite Öffentlichkeit getragen, aber in vielen Großbetrieben ist es schon seit langem üblich, Mitarbeiter auf Heroin, Kokain, Ecstasy und Cannabis zu testen. Vor allem Jugendliche werden unter die Lupe genommen. Unternehmensleitungen und manche Betriebsräte begründen die Urinkontrollen mit der Arbeitssicherheit: "Wer will schon auf einen bekifften Gabelstaplerfahrer treffen". Gegner solcher Tests sind der Ansicht, dass die Untersuchungen lediglich dazu dienen, sich die angepasstesten Azubis auszusuchen. Grundsätzlich gilt, dass Drogentests freiwillig sind. Keinem darf bei Weigerung mit Abmahnung oder Kündigung gedroht werden. Und keinem Azubi darf die (tariflich abgesicherte) Übernahme in ein Arbeitsverhältnis verwehrt werden, weil er sich nicht auf Drogen testen lässt. Freilich macht sich womöglich schon jemand verdächtig, der den Test verweigert - und muss damit rechnen, den Ausbildungsplatz nicht zu bekommen.

Mit der Sorgfaltspflicht des Unternehmens begründete DaimlerChrysler im vergangenen Jahr das Massenscreening (Reihenuntersuchung) an knapp 1000 Jugendlichen in Sindelfingen. Unangekündigt wurden morgens alle Azubis zum Pinkeln gebeten: freiwillig und anonym. 56 von 992 Urinproben wiesen Drogenspuren auf. Pressesprecherin Edith Meißner sagt: "Das Ergebnis lässt uns gelassen. Wir haben kein großes Drogenproblem im Betrieb." Trotzdem sei es denkbar, die unangekündigte Untersuchung von Zeit zu Zeit zu wiederholen.

Die Haltung der Gewerkschaften ist nicht einheitlich. Die IG Metall lehnt Drogentests ab - ob bei der Einstellung oder bei der Übernahme. "Tests ändern nichts daran, wie Jugendliche mit Drogen umgehen", sagt etwa Waltraud Schäfer, Suchtbeauftragte beim Vorstand der IG Metall. Die IG Bergbau, Chemie und Energie hat dagegen mit dem Bundesarbeitgeberverband Chemie, der Berufsgenossenschaft der chemischen Industrie und dem Verband der Chemischen Industrie eine gemeinsame Erklärung unter dem Titel "Keine Drogen in der Arbeitswelt" verabschiedet. Dabei beruft sich die Allianz auf die Sicherheit. "Chemische Betriebe", heißt es in der Erklärung, "sind ihren Beschäftigten, ihrer Nachbarschaft und der umgebenden Umwelt in ihrem Wirkungsgefüge besonders verpflichtet." Sie seien deshalb bei Tätigkeiten, die eine Eigen- beziehungsweise Fremdgefährdung mit sich bringen könnten auf verantwortungsbewusste und kompetente Mitarbeiter angewiesen. Es gehe dabei nicht darum, Gelegenheitskonsumenten zu bestrafen, sondern mit Informationen zu sensibilisieren.

Doch genau Gelegenheitskonsumenten von beispielsweise Cannabis werden bei solchen Drogentests erwischt. Cannabis ist am längsten im Urin nachweisbar, während der Dauerkonsum von Heroin lediglich drei Tage lang Spuren im Urin hinterlässt. "Wenn jemand Samstagabend einen Joint raucht", sagt Renate Lind-Krämer vom Drogenreferat der Stadt Frankfurt, "sind die Spuren montags noch im Urin, die Wirkung ist aber längst verflogen." Der Joint vom Sonnabend, sagt die Drogenexpertin, ginge den Betrieb genau so wenig etwas an wie das Bier vom Wochenende. Darüber hinaus würden alle Drogen über einen Kamm geschoren: "Cannabis ist ungefährlicher als Alkohol." Wenn es den Firmen tatsächlich um die Arbeitssicherheit und die Gesundheit der Mitarbeiter ginge, müssten sie Drogenkonsumenten mit Angeboten und konstruktivem Druck entgegenkommen, ähnlich wie bei Alkoholikern, argumentiert Lind-Krämer.

Beim Urintest wird die Probe übrigens in der Regel nicht von den Betrieben selbst untersucht, sondern an ein externes Institut gegeben. Es ist nicht erlaubt, den Urin bei dieser Gelegenheit auf andere Wirkstoffe (beispielsweise das Schwangerschaftshormon) untersuchen zu lassen. Der Arzt muss zuvor über den Umfang der Untersuchung aufklären.

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