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Drohnen : Auf dem Luftweg

15.11.2012 00:00 Uhrvon
Weitsichtig. Menschen werden müde, Maschinen nicht. Eine Drohne vom Typ Heron I. Foto: picture alliance / dpaBild vergrößern
Weitsichtig. Menschen werden müde, Maschinen nicht. Eine Drohne vom Typ Heron I. - Foto: picture alliance / dpa

Am Fliegen hängt sein Herz, sagt Oberstleutnant Carsten Endemann, der Pilot werden wollte, seit er ein Junge war. Doch weil die Zukunft im Krieg und am Himmel den unbemannten Drohnen gehört, steuert er nun die – und bleibt am Boden.

Sie können ihn nicht sehen. Aber er sieht sie. Gestalten, Männer vermutlich, in dunklen Gewändern. Der Grund unter ihren Füßen ist hell, sie gehen mal schneller, mal langsamer. Sie gehen zusammen. Tragen sie Waffen? Näher heran. Ja, sie tragen Waffen.

Eine Momentaufnahme, gefilmt aus knapp zehntausend Fuß Höhe in Afghanistan. Aufgezeichnet von der Kamera einer Drohne, übermittelt per Satellit auf den Bildschirm des Oberstleutnants Carsten Endemann, gespeichert und archiviert zu Vorführungszwecken wie diesem, beim Aufklärungsgeschwader 51 „Immelmann“ im schleswig-holsteinischen Jagel.

Endemann, 38 Jahre alt, Pilot von Beruf, ist zuständig für unbemannte Aufklärung im Dienste der Bundeswehr.

Drei- bis viermal im Jahr reist er nach Afghanistan, wo er Drohnen steuert, seine durch Zoom und Infrarottechnik geschärfte Sicht den Kameraden am Boden leiht. Im August war er zuletzt dort, im März muss er wieder hin.

An diesem Mittwochmittag aber sitzt er in einem kleinen Gebäude auf dem riesigen Flugfeld in Jagel und versucht zu erklären, wie das ist, eine Drohne zu fliegen; was man erkennen kann, dank bester Kameratechnik – oder was nicht.

Und weil in Jagel, so weit entfernt vom Einsatzgebiet, nicht viel zu sehen ist außer ihm, dem Piloten im grünen Fliegeroverall, wie er da sitzt und kritisch guckt, zeigt er gleich noch einen weiteren Film.

Wieder sind da schwarze Gestalten auf einer Straße, erst ein paar, dann mehr und mehr, dann sehr viele. Sie gehen, dann laufen sie, manche gestikulieren. Sie sind aufgebracht. Endemann spricht von deutlich erkennbarem Aggressionspotenzial. Wohin sie gehen, woher sie kommen, er sieht alles. Er liest die Bilder wie ein Röntgenarzt seine Aufnahmen. Jeder Fleck kann hier ein Hinweis sein.

Zwei Jahre lang glitten Drohnen vom Typ Heron I zu Aufklärungszwecken unbehelligt durch den afghanischen Himmel. Waffen tragen können sie nicht. Dann, in diesem Sommer, sprach Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière von Möglichkeiten und Notwendigkeiten, für die Zukunft auch bewaffnete ferngesteuerte Flieger anzuschaffen. „Flugzeuge dürfen Waffen tragen. Warum sollen unbemannte Flugsysteme das nicht dürfen?“, fragte der Minister, und was er so beiläufig sagte, klang doch nach schwer fassbarem Fortschritt, nach Krieg der Zukunft. Viele Deutsche reagierten mit Entrüstung.

Sie dachten an die USA, an Präsident Barack Obama, der mutmaßliche Terroristen in Afghanistan und Pakistan schon lange gezielt durch bewaffnete, unbemannte Drohnen hinrichten lässt. Politiker begannen, von der Gefahr einer „niedrigen Einsatzschwelle“ zu sprechen, Journalisten schrieben vom „feigen Krieg“. Der Minister erklärte, Waffen seien nie gut oder böse, sondern ethisch neutral.

Carsten Endemann sagt dazu nicht viel. Er betrachtet die Dinge wie den Bildschirm mit den dunklen Gestalten: intensiv und ohne schnelle Rückschlüsse. Er sagt: Wer nie in Afghanistan war, weiß sowieso nicht, wie es da unten ist.

Vielleicht ist gerade an der Diskussion um die Bewaffnung von Drohnen wieder besonders deutlich geworden, dass das Verständnis der deutschen Bevölkerung vom Krieg in Afghanistan ein völlig anderes ist als das der Soldaten – und Verständnis sowieso das falsche Wort.

In Afghanistan arbeitet Carsten Endemann in einem fensterlosen Container, von dem er Fotos zeigt. Eng sei es darin, erzählt er, dunkel und laut noch dazu, weil die Klimaanlage brummt und faucht. Das Räumchen ist vollgestopft mit Technik, an der Kopfseite stehen vor Bildschirmen und Tastaturen zwei Stühle. Einer für den Piloten, einer für den zweiten Mann in diesem eckigen, ebenerdigen Cockpit. Er bedient die Kamera. Ein Knopfdruck, und die Drohne startet, voll automatisch, hebt ab aus dem Lager in Masar-e-Sharif. Vier Stunden dauert die Schicht für den Piloten. Vier Stunden konzentriertes Auf-den-Bildschirm-Starren, Telefonieren, Was-meinst-du-kann-das-sein?-Gespräche mit dem Mann neben ihm. Kopfschmerzarbeit.

Was meinst du, haben die vor? Woher kommt der Beschuss, was meinst du?

Das Büro, in dem Endemann sitzt und davon erzählt, ist freundlich aber spärlich eingerichtet. Die Wände im Gebäude, in dem die zweite Staffel der „Immelmänner“ untergebracht ist, sind behördenfarben gestrichen, die Gänge etwas finster. „Von hier an unbemannt“, steht auf einem Schild über einer Tür. Ein Scherz. Aber so ist das jetzt. Sie bleiben auf dem Boden, die Männer die doch Jetpiloten wurden, um dem Alltag zügig und möglichst weit zu entkommen. Über den Wolken scheint immer die Sonne.

Und nun diese Drohne, „das UAV“ sagen sie hier in Jagel, „Unmanned Aerial Vehicle“. Modernste Technik steckt im Heron, dessen Name übersetzt „Reiher“ heißt. Auf Bildern sieht das UAV aus wie ein Segelflugzeug, etwa acht Meter lang und doppelt so breit, mit einer Schnauze wie ein Delfin. Unter der hängt eine Kugel mit einer Kamera, die sich in alle Richtungen drehen kann. Hergestellt wird die Drohne in Israel, die Bundeswehr hat drei Stück noch bis ins Jahr 2014 geleast. Sie alle sind in Afghanistan stationiert. Etwa 27 Stunden kann der Heron ohne Pause in der Luft bleiben und leise Daten sammeln. Es gibt kein Flugzeug, keinen Piloten, dem das gelänge.

„Menschen werden müde“, hat Verteidigungsminister de Maizière gesagt. „Eine Maschine wird nicht müde.“

„Mein Herz hängt am Fliegen“, sagt Carsten Endemann. Seit er klein war, wollte er Pilot werden, einfach so hatte er sich das in den Kopf gesetzt, Junge aus dem Ruhrgebiet. Während der Schulzeit bewarb er sich bei der Bundeswehr, weil ihm das spannender schien als die Verkehrsfliegerei. Im Jet sitzen, Helm auf, fast 15 Kilo Uniform und Ausrüstung am Körper, den Druck spüren, das kleinste Geräusch hören, Hydraulik, Funk, Turbulenzen. Eng sitzt man da, konzentrierte Mensch-Maschine – und doch verdammt frei. Endemann flog die F4-Phantom, ein Jagdflugzeug, das mehr als 2000 Stundenkilometer schnell sein kann. Sturzflüge, Tiefflüge, Überschallgeschwindigkeit.

Vielleicht hat der Siegeszug der Drohne die Piloten nun auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht. Die unbemannten Flieger sind wichtig und werden wichtiger. Ob sie künftig auch bewaffnet sein sollten, ist im Grunde längst keine Frage mehr. „Mit der Einführung bewaffneter Aufklärungs-UAVs ließe sich das Fähigkeitsprofil der Luftwaffe deutlich verbessern“, heißt es in einem Bericht des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag von Mai 2011. Und: „Der Verzicht auf eine Besatzung sowie der Einsatz von weniger oder sogar keinem Bodenpersonal im Einsatzgebiet stellen zudem einen Beitrag zur Kategorie Überlebensfähigkeit und Schutz dar.“ Die moderne Lösung ist ökonomisch, sie schützt das Personal. Sie hilft aber auch, daran zu sparen.

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