Zeitung Heute : Drohnen gegen den Tumor

Die Branche hat sich konsolidiert. Aber das Jobwunder lässt noch auf sich warten.

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Von Heiko Schwarzburger Die Wirkstoffe kommen als maskierte Agenten daher. Millionen unbemannte Drohnen gehen im Innern des Patienten auf Tumorjagd. Sie räumen das Immunsystem auf und ziehen in die Schlacht gegen Metastasen.

Was sich wie Science Fiction anhört, ist in der Berliner Biotechnologie teilweise schon Realität. Vor allem bei klinischen Anwendungen ist die Hauptstadtregion ein Leuchtturm der Branche. Kein Wunder, ist die Berliner Charité doch das größte Forschungskrankenhaus des Kontinents. Nirgendwo in Europa gibt es mehr niedergelassene Ärzte, Krankenhäuser, medizinische Forschungszentren und Spezialkliniken.

Die Tumordrohnen etwa sind mikroskopische Eisenpartikel, nur wenige Millionstel Millimeter groß. Sie schwimmen in einer Zuckerlösung. Wird dem Patienten diese magnetische Flüssigkeit gespritzt, wandert der Zucker zum Tumor, denn das wuchernde Gewebe hat einen ausgesprochenen Heißhunger auf energiereiche Nahrung. Undercover sammelt sich im Tumor auf diese Weise Eisen. Die Ärzte legen nun von außen ein magnetisches Wechselfeld an, in dem sich die Eisenpartikel auf bis zu 60 Grad Celsius erwärmen. Die Tumorzellen kollabieren, der Tumor stirbt an an extremem Fieber.

Diese Idee wurde im Laufe von zehn Jahren an der Charité entwickelt. Im Jahr 2002 hat sich ein vierköpfiges Forscherteam damit selbstständig gemacht. Ihre MagForce Nanotechnologies AG will das Konzept zur klinischen Reife bringen. Das kleine Unternehmen hält zehn internationale Patente und gilt als Schrittmacher auf dem Gebiet der Hyperthermie, so der Fachausdruck für die heißen Eisendrohnen. Doch noch befindet sich die Therapie in der Erprobung, eine anwendbare Methode muss noch reifen.

MagForce war mit einem Kapital von 1,5 Millionen Euro aus den Fördertöpfen des Bundesforschungsministeriums gestartet. Das ist symptomatisch, denn die medizinische Biotechnologie hängt bundesweit am Tropf der öffentlichen Hand. Die großen Pharmakonzerne oder andere Unternehmen steigen erst ein, wenn sich eine Idee in den klinischen Tests bewährt hat. „Die Zurückhaltung beim Venture Capital ist ein entscheidender Hemmfaktor für weiteres Wachstum in dieser Branche“, kommentiert Kai Bindseil, Leiter der Förderinitiative Biotop in Berlin und Brandenburg. „Eine Belebung des Kapitalmarkts ist dringend erforderlich. Wenn in der Venture Capital Szene die Risikobereitschaft steigt, sind wir sofort auf dem Wachstumspfad zurück.“

Im internationalen Vergleich gehört die Hauptstadtregion zu den wichtigsten Zentren der medizinischen Biotechnologie. Das vergangene Jahr war jedoch von Konsolidierung gekennzeichnet. „Aus einer Vielzahl von Gründungen der letzten sechs bis sieben Jahre haben es einige geschafft, eine kritische Größe zu erreichen und auf dem internationalen Parkett zu agieren“, analysiert Bindseil. „So werden wir nicht nur als herausragende Wissenschaftsregion wahrgenommen, sondern auch als Industriestandort.“

Er verweist auf neue Ansiedlungen in Potsdam-Golm, wo derzeit das Fraunhofer-Institut für biomedizinische Technik kräftig ausbaut und ein neues Gründerzentrum entsteht. Dort gibt es drei Max-Planck-Institute, die Universität und zwei Fraunhofer-Institute. Doch diese Institute werden allesamt von den Ländern und dem Bund getragen, zumindest zu einem großen Teil. Von einer selbsttragenden Industrie kann keine Rede sein.

Tatsächlich ist die Zahl der Biotechfirmen in der Region von 165 auf 159 zurückgegangen, die Zahl der Insolvenzen ist doppelt so hoch wie die Neugründungen. Die Zahl der Beschäftigten in den überwiegend klein- und mittelständischen Unternehmen liegt bei rund 3000 und stagniert. Damit steht die Region im bundesweiten Vergleich zwar gut da: Laut Ernst & Young hat die Biotechnologie deutschlandweit zuletzt 13 Prozent ihrer Jobs verloren. Aber die Kapitaldecke der meisten Unternehmen bleibt hauchdünn, sie schlingern immer knapp an der Grenze zur Insolvenz.

Ein Lichtblick: Im Jahr 2004 konnte die Branche ihr Eigenkapital immerhin um 95 Millionen Euro aufstocken. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr.

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