Zeitung Heute : Drum forsche, wer erfinden will Genies sind selten –

eine Wissenschaftsgeschichte

Thomas de Padova

Am Anfang steht ein Erfinder, einer wie Thomas Alva Edison. Mit einer brillanten Idee für eine Glühlampe, ein Produkt, das uns die Arbeit erleichtert und den Alltag erhellt. Und dann, hoppla, stolpert ein Unternehmen über die Erfindung, und schon ist sie da: die Innovation.

Es gab in der jüngeren Geschichte nur wenige Erfinder vom Schlag des Amerikaners Edison. Und eine Reihe „Deutschland sucht den Erfinderstar“ müsste sicherlich rasch wegen unüberschaubarer Gruppendynamik auf der Bühne abgebrochen werden. Die meisten Innovationen haben ihren Ursprung in der Grundlagenforschung. Sie geraten erst über Umwege zur Alltagstechnik.

Als ein Forscher wie Michael Faraday seinen ersten Dynamo baute, dachte er keinesfalls an die Fahrradbeleuchtung, sondern an die einheitliche Beschreibung physikalischer Kräfte. Und dass die Quantenphysik jemals bei der sicheren Verschlüsselung von Daten eine Rolle spielen würde, haben ihre Gründerväter Max Planck oder Werner Heisenberg nicht nur nicht in Erwägung gezogen. Sie hätten gar nicht für möglich gehalten, was nun Realität ist: die qua Naturgesetz abhörsichere Quantenkryptografie, eine der seltsamsten Innovationen der Gegenwart.

Gerade sie macht deutlich, dass wir selten wissen, wohin die Wissenschaft führt. Und dass der Übergang von der rein erkenntnisgetriebenen Forschung zur nutzbringenden Technik fließend ist. Daher sind vor allem die Rahmenbedingungen wichtig, um das Innovationsklima zu fördern, sprich: für die Nachwuchsförderung eine gute Ausstattung der Universitäten, die sich ihrerseits mit thematischen Schwerpunkten hervortun. Lieber fünf Professuren im Gebiet der Materialforschung und Nanotechnologie an einer Uni als fünf einzelne Professuren über ein Bundesland verteilt.

Die Nanotechnologie ist ein gutes Beispiel für ein innovatives Forschungsfeld. Der Übergang von Mikroelektronik und Mikrotechnik zur Nanotechnologie, in der Wissenschaftler mit noch kleineren Elektronikbauteilen und dünneren Materialschichten hantieren, hat sich lange abgezeichnet.

Kratzfeste Brillen

„Das Bundesforschungsministerium hat die grundsätzliche Bedeutung der Nanotechnologie frühzeitig erkannt“, sagt Thomas Elsässer, Direktor am Berliner Max-Born-Institut, das die Verbindung zwischen Nanotechnologie und einer noch schnelleren optischen Nachrichtenübermittlung sucht. Es wurden wissenschaftliche Netzwerke geschaffen und gefördert. So haben etwa Wissenschaftler am Institut für Neue Materialien in Saarbrücken kratzfeste Oberflächen für Brillen entwickelt. Noch Zukunftsmusik seien dagegen solche Oberflächen, die sich selbst reinigen und keimfrei halten, sagt Institutsdirektor Helmut Schmidt.

Noch Ende dieses Monats will die Bundesregierung ein neues Rahmenkonzept zur Förderung der Nanotechnologie vorstellen. Elsässer ist nicht der einzige Forscher der meint, dass noch größere Anstrengungen „gerade auch bei der Umsetzung in marktfähige Produkte“ erforderlich sind, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. US-Präsident George W. Bush etwa unterstützt die Nanotechnologie in den kommenden vier Jahren mit 3,7 Milliarden Dollar. Santa Barbara in den USA hat bereits Kompetenzen in diesem Sektor gebündelt, die für junge deutsche Forscher verlockend sein müssen. Die Nanotechnologie ist für die Lösung von Umwelt- und Energiefragen der Zukunft essenziell. Und sie ist – was in Deutschland eher selten ist – politisch wenig umstritten. Mehr Risikobereitschaft wünscht sich da so mancher Forscher.

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