Zeitung Heute : Dschungels König des

Rudyard Kipling bekam als erster Brite den Nobelpreis für Literatur. Unser Autor erzählt dessen bewegtes Leben und was Kipling für ihn und England bedeutet

Nigel Barley
Der Geschichtenerzähler: Rudyard Kipling mit Kindern (darunter zwei seiner eigenen) an Bord eines Passagierdampfers nach Südafrika (ganz links). Mitte: Der Autor und seine Frau. Rechts: Kipling (Zweiter von rechts) 1922 als Mitglied des Establishments, links neben ihm General Sir Douglas Haig und Premierminister Stanley Baldwin.
Der Geschichtenerzähler: Rudyard Kipling mit Kindern (darunter zwei seiner eigenen) an Bord eines Passagierdampfers nach Südafrika...Foto: picture-alliance / KPA/TopFoto

Vor 75 Jahren, am 18. Januar 1936, starb der britische Schriftsteller Rudyard Kipling. Es war bereits das zweite Mal – kurz zuvor war sein Tod irrtümlich schon einmal gemeldet worden. Säuerlich, mit dem ihm eigenen Humor, schrieb er dem Magazin, das einen Nachruf auf ihn veröffentlicht hatte: „Ich habe gerade gelesen, ich sei tot. Vergessen Sie nicht, mich von der Liste Ihrer Abonnenten zu streichen.“

Heute ist er wegen seines „Dschungelbuchs“ hauptsächlich als Jugendautor bekannt. Dessen Figuren springen in lustigen Comic-Bildern und als Plüschtiere in der Fantasie unserer Kinder herum, illustrieren dabei die Abenteuer von Mogli, dem kleinen Inder-Jungen, schön bunt und politisch korrekt. In seiner Zeit wurde Kipling als ernst zu nehmende, wenngleich umstrittene literarisch-künstlerische und politische Persönlichkeit angesehen, deren Einfluss auf britische Kinder noch meiner eigenen Generation weit weniger rosig war.

Es war ein außergewöhnliches Leben. Kipling wurde 1865 in Bombay, Britisch-Indien, geboren. Seine Eltern benannten ihn nach dem Rudyard Lake, einem See in England, der sie offenbar sehr beeindruckt haben muss. Er war sehr gut vernetzt: Seine Tanten hatten berühmte und erfolgreiche Maler geheiratet, der Cousin ersten Grades, Stanley Baldwin, sollte später Premierminister werden. Seine ersten Jahre verliefen typisch für ein verwöhntes Kind des Empire. Der Vater war ein wohlhabender Architekt und Lehrer an einer Kunstschule. Wie viele Angehörige seiner Generation und Klasse wurde der junge Kipling von indischen Dienern Tag und Nacht von vorne bis hinten bedient, Englisch war für ihn fast wie eine Zweitsprache.

Die erschreckende Aussicht, dass da ein Eingeborener herangezogen würde, musste korrigiert werden. Also wurde er mit fünf Jahren zurück nach England verschifft, kam zu gefühlskalten Pflegeeltern im englischen Küstenort Southsea. Allein, kränklich, ungeliebt, vernachlässigt und schikaniert, legte er hier unbewusst das Fundament für seine spätere literarische Karriere, indem er sich in eine Traumwelt zurückzog, um so seinen ebenso rabiaten wie bigotten Betreuern zu entkommen.

Als er zwölf war, tauchte plötzlich seine Mutter auf, glücklich zurück aus Indien, und erlöste ihn von seinen Qualen. Aber das englische Erziehungssystem war noch nicht fertig mit ihm. Nur ein Jahr später wurde er wieder weggeschickt, diesmal in ein Internat mit strengem Ruf, das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, schüchterne Jungs in richtige Männer zu verwandeln, passend für den Dienst in den Streitkräften.

Von seinem bisherigen Leben gezeichnet, war er zwangsläufig zum Scheitern verurteilt: akademisch – „nicht geeignet für die Universität“ hieß das Verdikt – und physisch, aufgrund seiner extremen Kurzsichtigkeit, war er untauglich für den Militärdienst. Sein Vater ließ alle Verbindungen spielen, um dem Jungen wenigstens einen Job bei einer kleinen Lokalzeitung in Lahore zu verschaffen. Zurück in Indien, überwältigt von den vertrauten Bildern, Gerüchen und der Sprache seiner Kindheit, fühlte sich Kipling endlich wieder zu Hause. Viele seiner Geschichten handeln von Themen wie Identität und Loyalität, arbeiten sehr persönliche Gefühle auf und drehen sich um das Bedürfnis des Außenseiters, dazu zu gehören.

Als Redakteur für die „Lahore Civil and Military Gazette“ begann Kiplings literarisches Leben, er schrieb Gedichte und Kurzgeschichten für die Zeitung. Aber erst in den Bergen von Simla, Stützpunkt und kühle Sommerhauptstadt des Empires in Indien, fand er jene Oase mit der richtigen britisch-indischen Mischung, die ihm fortan Zuflucht für seine Auszeiten von der Alltagsarbeit bieten sollte, mit seiner geliebten Mutter und seinen literarischen Schöpfungen als Gefährten.

Er veröffentlichte viel, meist Skizzen und Kurzgeschichten aus Britisch-Indien, mit einem besonderen Hang zu jenen einfachen Charakteren, die für andere nur den farbenfrohen Hintergrund abgaben, vor dem sich der Pomp des Empires entfaltete. Aber 1889 verkrachte er sich mit seinen Arbeitgebern. Kipling verkaufte die Rechte an seiner bisherigen literarischen Tätigkeit. Wie viele junge Männer vor ihm, zog es ihn über die USA und Kanada nach London, um, mit ein paar Pfund in der Tasche, dort sein Glück zu versuchen.

Kipling arbeitete wie ein Wilder, um sich als Teil von Londons literarischer Szene zu etablieren, produzierte am Fließband Magazin-Artikel und Geschichten. Er tat sich mit einem Amerikaner zusammen, Walcott Balestier, um – ein bizarres Unterfangen – gemeinsam den Roman „Naulahka“ zu verfassen. Es folgten ein Nervenzusammenbruch und eine Genesungsreise Richtung Australien. Die Nachricht vom plötzlichen Tod Balestiers bewog ihn allerdings, wieder umzukehren und telegrafisch Balestiers Schwester Carrie einen Heiratsantrag zu machen – sie akzeptierte.

Die Hochzeitsreise in Carries Heimat Amerika und weiter nach Japan endete ähnlich abrupt, weil Kiplings Bank sich verspekuliert hatte und er alles verlor. Doch beide waren gewohnt, sich nie zu beklagen. Also ließ sich das Paar in einem winzigen Landhaus in Vermont nieder, wo Carrie ihr erstes Kind zur Welt brachte und Kipling, wieder wie ein Verrückter arbeitend, die Dschungelbücher schrieb, die ihm anhaltenden Ruhm und Erfolg bescheren sollten.

In der ländlichen Atmosphäre Vermonts blühten die Kiplings auf. In regelmäßigen Abständen erschienen mehr Romane, Gedichte – und auch Kinder. Politische Spannungen zwischen Großbritannien und den USA sowie ein Streit mit Carries Familie vertrieben sie nach England, erst in ein Strandhaus in Torquay, schließlich nach East Sussex. Bateman’s, ein abgeschiedenes Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert, gab ihm dieses Gefühl der Verwurzelung, das er sein ganzes Leben lang gesucht hatte. Passenderweise wird Bateman’s heute vom National Trust als eine Art Kipling-Museum erhalten.

Seine Arbeiten aus dieser Zeit um die Jahrhundertwende lassen sich schwer einordnen. „Stalky and Co“ ist immerwährende Schullektüre, „Kim“ eine Abenteuerschmonzette, „Just So Stories“ ein Kinderklassiker. Aber er produzierte auch den Lobgesang auf den Imperialismus, das Gedicht „Die Bürde des weißen Mannes“, dilettierte gleichzeitig mit „With the Night Mail“ als Science-Fiction-Autor.

1898 begannen die regelmäßigen Reisen nach Südafrika, wo er sich im heraufziehenden Burenkrieg aus ganzem Herzen mit der britischen Seite identifizierte. Außerdem sorgte er sich zunehmend um die Bedrohung der britischen Überlegenheit zur See durch Deutschlands wachsende Macht, ein Thema, das er wiederholt sowohl journalistisch als auch schriftstellerisch zur Sprache brachte. Mit zunehmendem Alter ging bei Kipling die Arterienverkalkung mit immer konservativeren, wenn nicht knallhart reaktionären Ansichten einher.

Enthusiastisch unterstützte er die irischen Unionisten, die für die Zugehörigkeit zu Großbritannien stritten. Ebenso enthusiastisch schrieb er gegen den Bolschewismus an. Beides war kein Hindernis für das Komitee, ihm den Nobelpreis für Literatur zu verleihen, den Rudyard Kipling 1907 als erster Brite überhaupt bekam und den er als große Ehre annahm – während er Überlegungen, ihn zum Ritter zu schlagen oder zum Hofdichter zu machen, zurückwies.

Der Erste Weltkrieg war für ihn ein Wendepunkt. Kipling hatte begeistert die britischen Kriegsziele verinnerlicht und alle Verbindungen genutzt, um seinen Sohn in einem Garderegiment unterzubringen – obwohl der, wie einst sein Vater, als untauglich ausgemustert worden war. Prompt fiel Jack 1915. Allerdings wurde sein Leichnam nie gefunden, und Kipling erholte sich nicht von dieser tiefgreifenden Mischung aus Trauer, Schuld und der nie endenden Hoffnung. Dieses niederschmetternde Gefühl der Verbitterung fand schließlich ein Ventil: Kipling nahm eine wichtige Rolle in der britischen Kriegsgräberfürsorge ein, die sich für die Identifizierung und Bestattung britischer Soldaten und die Pflege ihrer Gräber überall in der Welt engagierte. Und wie gewohnt verlieh er seinen Gefühlen literarischen Ausdruck, vor allem in dem Gedicht „My Boy Jack“.

Für die Briten jener Zeit war Rudyard Kipling die Stimme des damals noch weltumspannenden Empires – der Pflichterfüllung, des stolz dienenden Untertanengeistes, der Selbstkontrolle und der Selbstverleugnung. Er schrieb in einem Zeitalter, in dem alte Damen bereit waren, ihren Besitz aufzugeben, um die Schulden der Nation zu begleichen – weil sie die bloße Existenz solcher Schulden als persönliche Schande begriffen.

Heute sind Kiplings Werte natürlich vollkommen aus der Mode, sein Ruf ist längst verblichen. Als Kind in Nachkriegs-Großbritannien war mein Leben noch vom Maß seiner Verse bestimmt und der übertriebenen Vorstellung dessen, was Engländer eine mannhafte „stiff upper lip“ nennen, also den Anspruch, in jeder Situation die Fassung zu wahren. Doch bereits als Achtjähriger spürte ich ein Unbehagen gegen die geistige Unaufrichtigkeit und die bedrückende Moral, die im Dschungelbuch steckt.

Vielleicht gehöre ich einer Minderheit an, wenn ich die Zuckerwatte der Disney-Version für unsere eigenen Kinder weit weniger schlimm finde als die eindeutig bedrohlicheren, von Kiplings Vater illustrierten Originale. Es gibt eine Pfadfindergruppe für Acht- bis Zwölfjährige, die sich am Dschungelbuch orientiert: die Wölflinge. Ich brachte es dort zum schwindelerregenden Rang eines Fähnleinführers, bevor meine Unfähigkeit, einen richtigen Knoten zu binden, meine Beförderung zunichte machte. Noch mehr missfiel mir, dass ich bestraft wurde, weil ich vergessen hatte, unseren Gruppenleiter „Akela“ zu nennen, wie den Leitwolf im Dschungelbuch.

Natürlich habe ich die Abenteuer von Kim, dem Kinderspion, gemocht, aber ich erinnere mich auch noch gut an die verzweifelten Ausflüchte unseres Englischlehrers bei der Lektüre von „The White Man’s Burden“ und „Gunga Din“ (wo ein guter, loyaler Inder ein britisches Regiment vor primitiven Stammeskriegern rettet) in Gegenwart des einzigen indischen Jungen an unserer Schule. Die Zeiten ändern sich und Kiplings Verse mit dem Rumms-Bumms-Rhythmus und der Knallbonbon-Moral waren plötzlich schwer zu ertragen.

Diese Gedichte, die in ihrem Unterschichtenenglisch – das ich fließend wie eine Muttersprache beherrsche – vorgaben, den bodenständigen Weisheiten und Anstandsregeln der einfachen Soldaten und Seeleute eine Stimme zu geben, wirkten jetzt herablassend und zum Zähneknirschen peinlich. In meiner späten Jugend hatte ich einen Freund, dessen beliebtester Partyscherz das Rezitieren einer Parodie auf Kiplings berühmtestes Gedicht war, „If“ („Wenn“), vorgetragen mit gekünstelter Fistelstimme. Sehe ich heute über dem Spielereingang von Wimbledon die Zeile: „Wenn du Triumph und Niederlage erlebst, und sie beide gleichermaßen als Schwindler erkennst“, klingt mir immer noch seine Version in den Ohren: „Wenn du einen Pfannkuchen im Spülwasser erhitzt, und ihn in Vanillesauce genauso gern isst wie den anderen.“ In beiden Fällen endet das Gedicht übrigens mit der Zeile: „Dann wirst du ein Mann sein, mein Sohn“.

Doch „If“ wurde 1995 bei einer Umfrage der BBC zum beliebtesten Gedicht der Nation gewählt – wobei ich den Verdacht habe, das hatte einfach damit zu tun, dass es das einzige war, an das sich die Leute noch aus ihrer Schulzeit erinnerten. Sie schrieben es hin, um sich eine peinliche Lücke zu ersparen – genauso wie Briten auf den Aufnahmeformularen im Krankenhaus auf die Frage „Religion“ immer „Church of England“ schreiben, um kein Aufsehen zu erregen. Ich erinnere mich auch noch an andere Dinge aus meiner Jugend: Als Schüler kam es uns immer ganz passend vor, dass viele der frühen Kipling-Ausgaben in der Schulbibliothek mit diesen unheimlichen, indischen Hakenkreuzsymbolen verziert waren. Aus ganz anderem Zusammenhang kamen uns die irgendwie bekannt vor. Und nicht vergeben konnte ich es dem damals von mir angebeteten Mädchen, als sie mir sagte, „du siehst aus wie Rudyard Kipling“. Damit war die Romanze auf einen Schlag erloschen.

Das Nobelpreis-Komitee erklärte 1907, dass es zu seiner Entscheidung gekommen sei „unter Berücksichtigung der Wucht der Beobachtungsgabe, der Originalität der Fantasie, dem fruchtbaren Ideenreichtum und dem bemerkenswerten Erzähltalent, das das Werk dieses weltberühmten Autors auszeichnet“. Es ist Kiplings Prosa, die heute am ehesten überlebt hat – klarsichtig, wohlüberlegt und tödlich präzise. Seine autobiografischen Schriften „Something of Myself“, die nach seinem Tod veröffentlicht wurden, zählen zu den bewegendsten und einsichtigsten Selbstanalysen, die je ein Schriftsteller verfasst hat.

Doch bei einem derart hurrapatriotischen Autor ist es vielleicht eine besondere Ironie, dass Kiplings makelloses Sprachgefühl vor allem auf einem Gebiet Verbreitung fand: in den Inschriften von Soldatengräbern („Their Name Liveth for Evermore“), Kriegerdenkmälern („Known unto God“) und der zentralen Kriegsopfergedenkstätte, dem Londoner Kenotaph („The Glorious Dead“).

Aus dem Englischen von Andreas Austilat

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben