Zeitung Heute : Düstere Gedanken

„Habt Vertrauen zu Italien“, fordert Nationaltrainer Marcello Lippi von seinen Landsleuten. Doch die Tifosi wenden sich ab, selbst beim Stichwort „Francesco Totti“ zucken sie nur noch mit den Schultern. Zu sehr steckt Italiens Fußball im Sumpf aus Bestechung, Schiedsrichtermanipulationen und illegalen Sportwetten. Und so fragen nicht nur Kommentatoren besorgt: Was können die Azzurri da noch reißen?

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Von Paul Kreiner, Rom

Es hat sich was geändert. Spürbar war das schon in den ersten Minuten nach jenem 1:1 gegen die USA. Keine Schreie der Freude oder der Entrüstung, kein Gehupe in der Stadt, nichts. Kleinlaut schlichen die Römer von den Mega-Bildschirmen in der City zurück nach Hause. Die Daheimgebliebenen schlossen müde ihre Fenster. Noch kein WM-Abend bisher endete so still, so totenstill.

Seit dieser unseligen Samstagnacht lässt Marcello Lippi, der Nationaltrainer, keine Gelegenheit aus, sein Volk zu beruhigen. „Habt Vertrauen zu Italien!“, ruft er aus den Zeitungsspalten, als wäre er der Staatspräsident in Notstandszeiten. „Der Adrenalinschub, den die Teilnahme an einer WM mit sich bringt, hilft uns, die Müdigkeit zu besiegen.“ Und gegen die Tschechen am heutigen Donnerstag, versichert der „Commissario Tecnico“, da „werden wir unsere Kräfte verdoppeln, wie bei jenem 2:0 im Eröffnungsspiel, als wir voller Lust waren, Ghana und unsere düsteren Gedanken vom Platz zu fegen.“

Die düsteren Gedanken hat zu Hause ein Francesco Saverio Borrelli inzwischen auf 193 Seiten zusammengefasst. Der 76-Jährige rühmt sich, erst zweimal in seinem Leben ein Fußballstadion betreten zu haben, und dies auch nur gezwungenermaßen. „Aber das macht nichts“, sagt er: „Im Gegenteil. Das sichert meine Unbefangenheit.“ Der frühere Mailänder Untersuchungsrichter, der Anfang der neunziger Jahre schon den großen Staats- und Parteienskandal „Tangentopoli“ aufklären half, er hat nun die Anklageschrift zum großen Fußballprozess geschrieben: Vier Vereinen der Spitzenliga Serie A – Juventus Turin, AC Mailand, Lazio Rom, AC Florenz – droht der Zwangsabstieg mindestens in die zweite, wenn nicht gar in die dritte Liga. Jedenfalls sofern der Militärstaatsanwalt beim Fußballgericht und dann die Richter diesen Darstellungen folgen. Kurzen Prozess wollen sie machen. Die Verhandlung im römischen Olympiastadion beginnt kommende Woche; ausgerechnet an jenem Wochenende, an dem die Italiener das Berliner Endspiel bestreiten wollen, sollen die Urteile ergehen. Düstere Gedanken.

Nein, sagt Borrelli, in keinem seiner 62 Verhöre habe er ein Geständnis erhalten. Auf eine „Mauer aus Gummi“ sei er gestoßen. Die Rechtsverstöße im italienischen Spitzenfußball seien „struktureller Art“ gewesen, auch wenn ihm der Begriff „Organisierte Kriminalität“ zu hart vorkomme. Alles in allem, so zitiert ihn eine italienische Zeitung: „ein Riesenbetrug an den Tifosi.“

In den Sportblättern, in den Internetforen und den Bars diskutieren sie in diesen Tagen die einzig wahre Aufstellung, mit der Marcello Lippi gegen die Tschechen antreten soll. Aber es läuft alles mit bemerkenswert wenig Engagement. Selbst beim Stichwort „Francesco Totti“ zucken Römer nur noch mit den Schultern. „Wie viel Benzin haben die Azzurri denn noch?“, fragen professionelle Kommentatoren: „Haushalten oder verballern?“

Die heimische Fußballwelt zerbröselt unterdessen. Der Italienische Fußballbund steht unter kommissarischer Verwaltung. Ob, wann, in welcher Stärke und welcher Zusammensetzung die A-Liga nach dem Sommer wieder starten soll, ist offen. Schiedsrichter sind im Dutzenderpack suspendiert worden, auch ihr Verband wird zwangsverwaltet. Ja selbst das Gericht des Fußballbundes hat sich als ungeeignet für den anstehenden „Maxi-Prozess“ erwiesen.

Nicht nur, dass sich die „weltliche“ Gerichtsbarkeit, beinahe aus Angst vor Ansteckung, aus dem Fußball zurückzieht – Italiens oberster Richterbund hat es seinen Mitgliedern untersagt, nebenbei in sportlichen Belangen tätig zu werden –, auch zwei Verbandsrichter selbst sind aus Verdacht auf Befangenheit ausgetauscht worden. Gefälligkeitsentscheidungen zugunsten von Juventus Turin und Amtsmissbrauch werden ihnen vorgeworfen.

Alles dreht sich nach wie vor um die Bestechung von Schiedsrichtern, zwar nicht mehr so sehr um deren „Ankauf“ für einzelne Spiele, als vielmehr zur Gesamterhaltung eines „Systems“, das es den großen Vereinen erlaubte, die Liga nach ihren Vorstellungen zu gestalten, die Meisterschaften unter sich auszuhandeln und die milliardenschweren Fernsehrechte nach Gutdünken zu verteilen. Gut informiert vermutet die Zeitung „La Repubblica“ hinter diesem Skandal noch einen größeren: illegale Sportwetten. Aber so tief hinabgetaucht sind die Ermittlungen noch nicht.

Anfangs sah es so aus, als müsse man von einem „System Moggi“ sprechen – benannt nach Luciano Moggi, dem Generaldirektor von Juventus, einer Schlüsselfigur der Affäre. Mittlerweile weiß man, dass nicht nur er die Einteilung von Schiedsrichtern gesteuert und dieselben mit teuren Geschenken für seinen Verein eingenommen hat; mittlerweile gibt’s auch ein „System Meani“, das seinen Namen vom Milan-Funktionär Leonardo Meani bezieht, der beispielsweise einem „Unparteiischen“ für kleine Hilfsdienste eine Haartransplantation versprochen hat.

Der AC Milan – wie Italiens größter Privatsender Eigentum von Silvio Berlusconi – saß und sitzt unmittelbar an der ergiebigsten Geldquelle des italienischen Fußballs: an den Fernsehrechten. Und Adriano Galliani, Statthalter Berlusconis beim Mailänder Verein, ist immer noch auch Chef des Ligaverbandes. Interessenkonflikte? Verkörperung eines alten, durch Generalreinigung zu überwindenden Systems? Bestandsgarantie wenigstens zur Vermeidung eines ökonomischen Kollapses?

Galliani hat als praktisch einziger Spitzenfunktionär den Skandal bisher politisch überlebt; dem wachsenden Rücktrittsdruck widersteht er hartnäckig. Und am Donnerstag traut er sich sogar wieder an die nationale Öffentlichkeit: In Hamburg, gegen Tschechien, werde er selbstverständlich auf der Tribüne sitzen, teilt Galliani über die Agenturen mit. Bisher hatte er in Deutschland nur brasilianische Partien verfolgt, „aber ausschließlich, um zu sehen, wie sich Milans brasilianische Spieler schlagen“. Sagt er.

Luciano Moggi, der Allgewaltige von Juventus dagegen, ist abgetaucht. Die „Alte Dame Juve“ hat ihren Vorstand komplett ausgetauscht; die aristokratischen Fiat-Industriellen der Familie Agnelli wollen den mühevoll erkämpften Wiederaufstieg ihres Autokonzerns nicht durch schmutzige Geschäfte an irgendwelchen Flanken ihres Imperiums gefährdet sehen. Luciano Moggi hat sich bisher auch allen Ermittlungen des Fußballbundes entzogen: Er bekleide kein sportliches Amt mehr, teilte er mit, falle also auch nicht unter die Sportgerichtsbarkeit.

Politiker gab es in diesem ganzen Skandal, die meinten, man müsse die „Azzurri“ auf eine ganz besondere Weise zu Höchstleistungen anspornen: Durch die Aussicht auf eine Generalamnestie für den Fall, dass sie Weltmeister würden.

Dieses Versprechen ging natürlich souverän an den wahren Schuldigen vorbei – die Spieler nämlich können für die „strukturellen Sünden“ des italienischen Spitzenfußballs offenbar nichts –, es wurde auch sofort von allen Seiten abgeblockt. „Absurd“ sei es, die spielerischen Erfolge der Nationalmannschaft mit dem Schlamassel zu Hause zu verbinden, hieß es; und andere Politiker riefen: „Dann würdet ihr uns ja geradezu zwingen, in den Stadien gegen unsere Nationalmannschaft zu schreien.“

Nun ja, in Italien zieht bereits der nächste Skandal seine Kreise: Er dreht sich um den Sohn des letzten Königs und seine Verstrickungen in Sex, Glücksspiel und Mafia. Das Fußballchaos ist von den ersten Seiten der Zeitungen irgendwo mitten hinein ins allgemeine Weltgetümmel verlagert worden. Und Dino Zoff, der frühere Nationaltrainer, der seine Landsleute besser kennt, er meint, die Stimmungsschwankungen gegenüber den Azzurri, das seien halt „die typischen Übertreibungen: Nach dem Sieg über Ghana, da hatten wir die WM schon gewonnen, mit dem Unentschieden gegen die USA haben wir sie dann verloren.“ Nur die Ruhe, rät Zoff vor dem Spiel gegen Tschechien und dann womöglich gegen Brasilien, und dann ...: „Wir brauchen uns wirklich vor niemandem zu fürchten.“

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