Zeitung Heute : Duftende Zeilen

Die Papiermanufaktur in Kriele liefert alles, was Romantiker brauchen.

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Petra Gottschalk nutzt Gräser und Blumen für die Papiergestaltung. Foto: Wiebrecht
Petra Gottschalk nutzt Gräser und Blumen für die Papiergestaltung. Foto: Wiebrecht

Man stelle sich vor, Werther hätte einfach nur ein paar Zeilen in den Computer gehackt und Lotte gepostet. Die hätte wenige Sekunden später die Mail geöffnet und ihrerseits eine Message geschickt. Wo wäre es geblieben, das bange Warten auf Post? All die Dramatik? Das Auf und Ab der Gefühle, während der Umschlag geöffnet wird? Gewiss, die elektronische Kommunikation ist praktisch. Aber wie ärmlich! Einen handgeschriebenen Brief in den Händen zu halten ist ein sinnliches Erlebnis. Da geht es nicht nur um mehr oder weniger gelungene Formulierungen. Und auch nicht allein um die Schrift, die viel von der Persönlichkeit, sogar der Tagesverfassung des Autors verrät. Es zählt die ganze Form des Briefes. Wie sieht er aus? Wie fasst er sich an? Wie duftet er?

All das geht einem durch den Kopf, wenn man sich in der Papiermanufaktur Pappenstil umsieht. Feinstes Papier ist in Petra Gottschalks Gutshaus in Kriele im Havelland zu betrachten, in Form von Visitenkarten, Heiratsanzeigen, Fotoalben, Schreib- oder Malblöcken. Mitunter zieren es auch Gräser oder Blüten von Mohnblumen, Veilchen und Vergissmeinnicht. Jedes Stück ist ein handgemachtes Unikat, fast ein kleines Kunstwerk.

Seit mehreren Jahren bereits betreibt Petra Gottschalk ihre Papierwerkstatt. „Ich mochte schon immer schönes Papier und habe mich von Kind an damit beschäftigt“, meint die gebürtige Niedersächsin, die eigentlich aus dem kaufmännischen Bereich kommt. „Ich liebe die Natur und Blumen, die man vor allem beim Papierschöpfen in ihrer Schönheit erhalten kann.“ Beide Vorlieben konnte sie ideal verbinden, als sie vor etwa zehn Jahren mit ihrer Familie aus Berlin ins Havelland zog. „Jwd“ – janz weit draußen – wie sie sagt. Denn wer kennt schon das winzige Dorf Kriele bei Kotzen in der Nähe von Rathenow, wo die von Bredows um 1914 ein Haus für ihren Gutsverwalter bauten?

Kriele ist eine Oase der Ruhe, die mit neuem Leben gefüllt wurde. Dazu wächst und blüht im Garten allerlei, was man beim Papierschöpfen verwenden kann. Wenn das nicht ausreicht, kommen auch Hanf, Leinen und Baumwolle zum Einsatz, in der Spargelsaison wiederum die Schalen des Edelgemüses. „Da kann man hauchdünnes Papier draus machen“, erklärt die Expertin und schwärmt: „Reines Spargelpapier ist fast transparent.“

Inzwischen empfängt Petra Gottschalk nicht nur Besucher in ihrer Papiermanufaktur – wie zum Beispiel am ersten Maiwochenende an den Tagen des Offenen Ateliers im Havelland – , sie organisiert auch Ausstellungen mit Werken der Havelländischen Malerin Eva-Maria Neumann oder anderer Künstler. Am ersten Septemberwochenende ist das hübsche Landhaus wiederum Schauplatz eines Papier- und Kunstmarkts, an dem Buchbinder und Papierhändler teilnehmen und sogar Papiertheater gemacht wird. Im vergangenen Jahr fand auch erstmalig ein Papierkünstler-Treffen statt. „Da kamen acht Künstlerinnen, die sich nicht nur für die handwerkliche Seite interessieren wie ich, sondern die wirkliche Kunstwerke aus Papier machen“, erzählt Petra Gottschalk.

Wer neugierig geworden ist und mehr über den Herstellungsprozess erfahren will, den weiht die Expertin bei Workshops in die Technik des Papierschöpfens ein. Einen ganzen Tag lang wird dann in der Werkstatt gemantscht und gewirkt. Erst müssen die Pflanzenstoffe stundenlang in einer Soda-Lösung köcheln, um die Zellulose von den anderen Bestandteilen zu trennen, dann werden die Fasern gereinigt. Dabei entsteht ein Brei, die sogenannte Pulpe, aus der mit einem Sieb das Papier aus dem hölzernen Trog geschöpft und zum Trocknen ausgebreitet wird. Kaum einer erwartet, dass das Papierschöpfen so ein langwieriger Prozess ist, bei dem es so viel spritzt und tropft. Aber am Ende sind die Teilnehmer stolz, wenn sie ihre eigenen filigranen Bögen in den Händen halten.

Im Übrigen sind ab Mai an jedem Sonntagnachmittag auch andere Besucher willkommen. Da das Gutshaus am Havellandradweg liegt, auf der Etappe zwischen Rathenow und Ribbeck, freuen sich vor allem Radfahrer, wenn sie in dem verwunschenen Garten eine Pause einlegen können. Bei gutem Wetter sitzen sie dann auf einer Wiese voller Löwenzahn unter schattenspendenden Apfelbäumen und werden mit Kaffee, Butterkuchen oder Apfelmost bewirtet. Wie im Bilderbuch wirkt die Szenerie. Und manch einer fühlt sich in frühere Zeiten zurückversetzt, als man sich noch Mühe gab, seine Eindrücke und Erlebnisse in einem schönen Brief festzuhalten. Wer will, kann gleich wieder damit anfangen. Papier ist ja genug vorhanden. Ulrike Wiebrecht

Die Papiermanufaktur Pappenstil, Bahnhofstraße 4 in Kriele, Telefonnummer: 03 38 74 /600 41, (www.pappenstil.de) liegt zwischen Nauen und Rathenow und ist über die B5 zu erreichen. Der nächste Bahnhof ist sieben Kilometer entfernt in Nennhausen.

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