Zeitung Heute : Duisenbergs Rücktritt: Der fliehende Holländer

Ursula Weidenfeld

Gerungen hat er weniger mit sich als mit den anderen. Wenn Wim Duisenberg am 9. Juli 2003 als Chef der Europäischen Zentralbank geht, wird ihm das persönlich nicht besonders schwer fallen. Er wird dann 68 Jahre alt sein. Und er hat immer gesagt, dass er sich auch noch etwas anderes vorstellen kann in seinem Leben als zu arbeiten. Golf etwa. Oder Musik hören. Seine Frau liebt Modenschauen. Beide mögen Südfrankreich. Zum Beispiel.

Aber die anderen. Die haben gedrängt, dass er geht. Oder dass er zumindest sagt, wann er geht. Denn das war der Deal, der in der langen Nacht Anfang Mai 1998 in Brüssel ausgehandelt wurde. Da ging es um Prestige, und es ging um Jobs.

Deutschland hatte die Jobs schon sicher, denn der Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) wurde Frankfurt. Dafür wollte Frankreich das Prestige - nämlich den Posten des Notenbankchefs. Das wollten die Deutschen und die Beneluxländer aber nicht, weil ihnen die Nähe der französischen Notenbankchefs zur Politik immer ein bisschen anrüchig erschienen war. Die Nacht ging so aus, dass die Holländer Wim Duisenberg an die Spitze der Zentralbank schickten. Aber Duisenberg musste versprechen, nach der Hälfte der Amtszeit zurückzutreten - und Platz für einen Franzosen zu machen.

Duisenberg ließ die Franzosen zappeln, bis gestern. Er erfreue sich bester Gesundheit, und dort, wo er herkomme, lebten die Menschen lange, sagte der Friese immer wieder. Das Amt mache ihm auch viel Spaß. Der Euro müsse noch als Bargeld eingeführt werden und das Vertrauen der Bürger finden, bevor er, Duisenberg, überhaupt daran denken könne, Frankfurt zu verlassen. Und neuerdings frage ihn seine Frau ohnehin immer mal wieder: "Warum bleiben wir eigentlich nicht hier?" In der Dienstvilla im vornehmen Frankfurter Taunus-Vorort Kronberg sei es aber auch zu hübsch.

Er wollte sich nicht aus dem Amt mobben lassen. Schon gar nicht von den Franzosen. Es macht eben keinen Spaß, als Verlierer vom Feld zu gehen. Wo noch dazu die Franzosen im Augenblick nicht einmal einen besseren Kandidaten zur Hand haben. Das macht die Sache so schwer für den Dickkopf, und deshalb bleibt er jetzt einfach ein Jahr länger als geplant. Und geht damit doch früher, als man es nach all den Dementis erwartet hätte.

Sehen konnte man es schon länger, dass Wim Duisenberg, der frühere Finanzminister und spätere Notenbankchef der Niederlande, nicht besonders viel Spaß am Präsidentenleben hatte. Freunden, die ihn in Frankfurt besuchten, sagte er immer wieder, dass ihm der Stress auf die Nerven gehe. Dass das Mobbing der Franzosen nicht gerecht sei. Dass er Probleme habe, wenn jedes seiner Worte von hunderten Analysten und Finanzjournalisten darauf geprüft werde, ob es einen "Bias", einen Hinweis auf die künftige Notenbankpolitik gebe. Und dann diese "ECB-Watcher", Hunderte Experten aus New York, London, Tokyo, die in Frankfurt wie die Jäger auf dem Hochsitz lauern und jedes Heben der Augenbraue in der Zentralbank beobachten.

Damit komme er nur schwer zurecht. Das ist noch vorsichtig ausgedrückt. Duisenberg ist wahrscheinlich der erste Notenbankpräsident, der die Währung eines halben Kontinents durch Versprecher und Nachlässigkeiten in wahre Schockzustände versetzte. Mal sagte er, dass die EZB keine Lust habe, zu Gunsten des Euro-Kurses an den Märkten einzugreifen. Und wunderte sich dann, als die Währung einbrach. Dann wieder ließ er es an der Zinsfront krachen - als alle damit gerechnet hatten, dass nichts passieren würde. Die Märkte überraschen - das tut man nicht mehr, sagt das große Vorbild aller Notenbankchefs der Welt, Alan Greenspan. Es kann zu viel passieren dabei.

Finanzmarktkommunikation kann er nicht", sagt einer der Banker, der in Frankfurt nur damit beschäftigt ist, die EZB zu beobachten. Es fehle Duisenberg an intellektueller Schärfe, sagen andere. Und er selber sagt, dass es eben schon ein überraschend großer Unterschied ist, den Job als Präsident nur für Holland oder für ganz Europa zu machen. In Holland musste er nämlich gar nicht viel machen. Er machte einfach das nach, was die Deutsche Bundesbank vormachte. Und beschäftigte sich ansonsten mit den schönen Seiten des Lebens. Da wäre es wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, dass Duisenberg auch schon mal eine Sitzung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in Washington schwänzte - wenn er das Golfturnier, an dem er stattdessen teilnahm, nicht gewonnen hätte. Die Amsterdamer erinnern sich an den qualmenden Weißschopf, der samstags gern am Steuer seines Mercedes vor den Luxus-Boutiquen der Stadt auf seine junge Frau Gretta wartete. Der mit seinen Kumpels im vornehmen Restaurant "Garage" wöchentliche Gelage abzuhalten pflegte, bei denen ihn sein Freund, der Schriftsteller Harry Mulisch, foppte, weil die Notenbankberichte so trocken seien. Worauf Mulisch den Job bekam, die Dinger zu redigieren.

Delegieren war schon immer eine Stärke Duisenbergs. Zwar beteuern seine Mitarbeiter, dass er ein "Arbeitstier" sei. Doch dann loben sie seine Fähigkeit, zum Abendessen zu gehen, während eine Arbeitsgruppe in der Bank damit beschäftigt wird, ein Papier fertig zu machen. Oder sie erzählen, dass er den Arbeitstag gewöhnlich morgens um zehn beginnt und gegen 18 Uhr beendet.

Die wachsende Kritik hat Duisenberg erstarren lassen. Er hatte sie satt, die Aufpasser rund um die Bank. Ob man nicht wenigstens nach den Sitzungen nur einmal im Monat eine Pressekonferenz geben könne, fragte er seine Kollegen im Zentralbankrat. Die verneinten ziemlich entsetzt. Seitdem verliest Duisenberg seine Stellungnahmen wie eine Sprechmaschine. Kein Hinweis, kein "Bias", der nicht abgesprochen wäre: Die Wirtschaft Europas stagniert, die Chancen auf Besserung sind genau so hoch wie die auf weitere Stagnation, Reformen wären gut, der Euro ist eine gute Währung mit einem stabilen Innenwert.

Die massige Person ist hinter die Bank zurückgetreten, für die sie steht. Und wenn man Wim Duisenberg fragt, was er tut, wenn er nicht mehr Präsident der Europäischen Zentralbank ist, sagt er: "leben."

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