Zeitung Heute : Durchhalten

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lorenz Maroldt

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Guter Witz: „Das Frühlingswetter währt nur kurz“, stand gestern im Tagesspiegel. Wovon reden die Frösche? Was für ein Frühling? Haben wir da was verpasst? Früher hat sich Frühling doch irgendwie anders angefühlt.

Frühling war auf Fuerte, aber das ist ja auch schon wieder gut zehn Tage her. Aktueller Wetterbericht vom Strand von Sotavento laut Homepage von René Egli am Montag: Wasser 19 Grad, Luft 27 Grad (na, wenn das mal stimmt!), Himmel blau, Wind 4 bis 5 Nordost. Voraussage: bleibt so. Optimal! Hier dagegen: Alles grau und grippig. Selbst die Bäume scheinen von einem Virus befallen zu sein. Bloß gut, dass ich mich beizeiten impfen ließ.

Wie lange es schon her ist, dass Berlin auch draußen so richtig genießbar war (von ein paar tollen Tagen zwischendrin mal abgesehen), zeigt folgender Vorfall: Um Frühlingsgefühle zu erzwingen, holte ich dieser Tage ein vergangenes Jahr übrig gebliebenes Weizenbier aus dem Kasten, kühlte es ab, entkronkorkte es, goss es ein mit mutigem Schwung – und gleich wieder weg. Die Hefe klumpte schon, die Brühe war ungenießbar geworden. Verfallsdatum überschritten! So weit ist es schon gekommen.

Wie bringt man die Tage und Abende bis zum ersten Draußen-Bier einigermaßen ansprechend über die Runden? Wenn man Verdi-Mitglied ist und in der Ortsgruppe Castrop-Rauxel einmal zu oft den Mund aufgemacht hat, kann es einem passieren, dass man in einen Bus gesteckt und nach Berlin gekarrt wird, um gegen eine Verlängerung der Ladenöffnungszeiten zu demonstrieren. So geschehen am vergangenen Sonntag. Zum Glück für die Demo-Touristen waren wegen der Internationalen Tourismusbörse ein paar Läden offen, und so sah man die eine oder andere Verdi-Plastikschürze beim heimlich- fröhlichen Shoppen wieder. Als Berufstätiger in einem Medienunternehmen, dessen Türen sieben Tage in der Woche nahezu rund um die Uhr geöffnet sind, habe ich für solche unheiligen Ausschweifungen, die nach Informationen aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen mit dem Auswendiglernen von einer Bsirske-Rede (ist bereits die Höchststrafe; kennt man eine, kennt man alle) bestraft werden, vollstes Verständnis. Muss schon jeder selbst wissen, wie er seine freie Zeit verbringt.

Bei mir sieht das diese Woche so aus: Heute mal wieder ins Windhorst, einen alten Bekannten treffen und einen schönen Karibikdrink durch den Strohhalm ziehen. Morgen zu Oasis, ganz klar. Und dann kommt, endlich mal wieder, Oma zu Besuch. Das wird bestimmt lustig, mal sehen, was uns so einfällt. Aber am Sonntag, unumstößlich: Union gegen Köln in der Alten Försterei. Für mich das einzig Auswärtsspiel des Jahres, das zugleich ein Heimspiel ist.

Ja, und was soll ich sagen: Während ich das hier schreibe, fängt es ganz fürchterlich an in der Nase zu jucken, die Augen werden rot und röter, die Luft wird knapp und knäpper. Das ist doch... also das sind doch... Mensch hurra, die Pollen sind da! Endlich Heuschnupfen, endlich Frühlingsgefühle! Aber jetzt erst mal schnell in die Apotheke.

Gegen Heuschnupfen: Lisino, Lorano – oder wie das Zeug in diesem Jahr auch immer heißen mag.

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