Zeitung Heute : Durchlebt und durchlitten

ECKART SCHWINGER

Die Königliche Hofkapelle Stockholm mit Werken von Pettersson und Lidholm in der Deutschen OperECKART SCHWINGERNach ihrem "Norma"-Gastpiel in der Deutschen Oper brachte die Stockholmer Oper bei ihrem Sinfoniekonzert erfreulicherweise nur zeitgenössische schwedische Musik zur Aufführung und erntete eine bemerkenswerte, herzliche Resonanz.Zu dieser Risikofreudigkeit, die derzeit das Orchester der Deutschen Oper unter Thielemann, Kout und Fischer-Dieskau bei den Konzerten in Tokio nicht an den Tag legen darf (oder will?), muß man der Königlichen Hofkapelle Stockholm und ihrem Generalmusikdirektor Leif Segerstam gratulieren. Der Finne Segerstam, selbst ein hervorragender Komponist, weiß, was er den bedeutenden schwedischen Komponisten schuldig ist.Nicht zuletzt im Hinblick auf den 1980 in Stockholm gestorbenen Allan Pettersson - ein Urgestein der zeitgenössischen schwedischen Sinfonik.Er ist nach einem so tragischen wie produktiven Leben, das von Mißachtung, Fehlbewertung und Krankheit gezeichnet war, geradezu zu einer Kultfigur avanciert.Obwohl er stilistisch in seiner radikalen Eigenwilligkeit kaum einzuordnen ist, wird er als Sinfoniker (17 Sinfonien hat er komponiert!) mit Mahler, Hartmann und Schostakowitsch verglichen. Mit einem weitausgreifenden Spannungsvermögen zelebrierte Segerstam mit der bestens disponierten Stockholmer Hofkapelle die großdimensionierte Sinfonie Nr.8 in zwei Sätzen von Pettersson, die in ihrer vielfach verschlossenen und versonnenen Haltung fast etwas irritiert und sicherlich nicht zu seinen radikalsten Werken zu zählen ist.Der erste Satz ist ein schmerzlicher, ganz nach innen verlagerter Gesang von urtümlicher, ruhig brodelnder Kraft, durchsetzt von grellen Naturlauten, bizarren Einwürfen und immer neuen Verwerfungen.Der zweite Satz ist greller, aggressiver.Mit seinen sirenenartigen Warnrufen und kauzigen Verfremdungen erinnert er bisweilen an Schostakowitsch.Der Schluß wird lange hinausgezögert.Nach unfügsamen, verstörenden Anläufen, mehrfachem Aufbäumen erlischt die von tiefer Verlorenheit redende Sinfonie. Auch Petterssons "Achte" ist ganz sicherlich ein bewegendes Dokument seelischer Zerrissenheit, das trotz ungewöhnlicher Anforderungen und Ansprüche von einer unwiderstehlichen Wirkung ist.Schon hierbei beeindruckten der unerschütterlich überlegene und würdevolle Dirigierstil des imposanten Leif Segerstam, die hohe Disziplin, die klangliche Geschlossenheit und Geschmeidigkeit der Stockholmer Hofkapelle. Demgegenüber tritt der 1921 geborene Ingvar Lidholm bei seiner Vokalsinfonie "Ein Traumspiel" nach Strindberg mit einer ausgesprochen verführerischen Farbpalette, einer atmosphärisch dichten Tonsprache in Erscheinung, die unaussprechlichen seelischen Regungen, Ängsten und geradezu kafkaesken Visionen in fast suggestiver Weise Ausdruck gibt.Diese für sich einnehmende Vokalsinfonie bringt sinfonisch bearbeitete Ausschnitte aus Lidholms 1992 in Stockholm uraufgeführter Strindberg-Oper "Ein Traumspiel", deren Inszenierung Götz Friedrich übernommen hatte.Auch Aribert Reimann hat dieses Strindberg-Drama zu einer Oper inspiriert.Betroffen vernimmt man das schmerzhafte Resümee der Tochter des Gottes Indra, die bis in absurde, sarkastisch komische Situationen hinein die menschliche Existenz durchlebt und durchleidet: "Es ist schade um die Menschen." Auch in Lidholms Vokalsinfonie fährt es unter die Haut.Dabei traten nicht nur die Solisten Hillevi Martinpelto (Die Tochter), Tord Wallström (Der Offizier) und Sten Wahlund (Der Advokat) mit expressivem sängerischen Gestus hervor, sondern auch der Stockholmer Opernchor auf eindringliche Weise mit einer eigentümlich eingedunkelten Leuchtkraft.Chorsätze wie das aufwühlend-düstere "De profundis" hinterlassen Spuren.

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